Schließlich war die Vorlesung zu Ende, und das Publikum strömte heraus. Allan blieb als letzter zurück und ging, von Gedanken erfüllt, die wie Blasen in ihm aufstiegen, aber zerstoben, bevor sie sich noch ganz geklärt hatten. Gleich vor der Universität stieß er mit der ganzen Armee zusammen und wurde mit Jubelrufen begrüßt. Es gab ein Mittagessen im Park; es gab Kaffee und Punsch. Der Abend verging, und das große Hauptquartier der großen Armee begann die Pläne für den Feldzug des kommenden Jahres zu entwerfen. Es war das erstemal, daß man sich nach den Sommerferien traf. Die kommende Jahreskampagne sollte alle vorhergegangenen der Kriegsgeschichte schlagen; man erörterte ihre Einzelheiten unter mehr oder weniger formeller Befragung des Quartiermeisters, der stumm und grübelnd vor seinem Whiskyglas saß, die Ohren erfüllt von dem Geplauder der Kampfgenossen, den Kopf voll von einem Gefühl, das neu schien, alt war und sehr rasch allmächtig wurde: Jetzt ist Schluß! Schluß für immer. Das war die letzte Revue der Truppen; Fontainebleau; Abschied ohne Tränen, Umarmungen oder Ueberreichung des Degens; und dann fort, sei es auch nach Elba oder Sankt Helena!
Mit anderen Worten: Eine Pflanze, deren Keim schon lange in Allans Herz gelegen war, hatte an diesem Tage endlich die Hülse gesprengt, die Wurzeln ausgebreitet und war zum vollen Tageslicht hinaufgedrungen. Das einzige Verwundernswerte war, daß dies nicht schon längst geschehen war.
Sein ganzes Leben lang hatte Allan eigentlich den Zug hinaus gehabt, den Zug zum Fernen, Neuen, Unbekannten. Vielleicht war es Hermann Bergius gerade dadurch, daß er diese Saite berührte, gelungen, ihn zum Quartiermeister des sechsjährigen Krieges zu machen. An diesem Abend merkte er, wie es ihm vorkam, plötzlich, mit einem Male, wie unbefriedigt ihn alle Eskapaden dieser sechs Jahre eigentlich gelassen hatten. Kinderstreiche ... ohne Bedeutung ... ohne Spannung ... Er dachte all der Morgen, an denen er durch irgendeine dämmergraue Straße einer fremden Stadt, in die der Zufall und Bergius ihn verschlagen hatten, heimwärts gewandert war, und der Lust, die er auf diesen einsamen Morgenwanderungen verspürt, von den anderen zu desertieren und von dem ganzen großen Frühschoppen am nächsten Tage, der der Clou dieser Eskapaden war. Jedesmal war dieser Impuls von irgendeinem anderen verdrängt worden. Jetzt begriff er, was dies eigentlich bedeutet hatte. Er durchforschte sein Gedächtnis und verstand auch andere kleine, fast kindische Züge an sich selbst, seine Lust (zu Bergius’ großem Verdruß), mit exotischen Gestalten anzubändeln, die man zufällig in Schenken und auf Dampfern traf; sein Versinken in trockene, dicke, ausländische Fahrpläne, Henschel und Bradshaw, die er in den Vestibüls der Hotels fand; seine Manie für die großen ausländischen Zeitungsdrachen ...
Und während man die Becher leerte, die die Ouvertüre zu einem weiteren Jahr kriegerischer Heldentaten und Idyllen bilden sollten, saß Allan da, ohne sein Glas zu berühren. Die verheißenen Idyllen erschienen ihm mit einem Male überaus banal und der Wein der Freudenbecher schal geworden ... Fort, auf neuen Straßen, fort, um die Sonne über Städten zu sehen, wo noch etwas Neues geschah und wo man dem Abenteuer begegnen konnte! Denn was war er eigentlich alle diese sechs Jahre nachgejagt, wenn nicht den Abenteuern, dem Neuen? Morgen! ...
So dachte Allan Kragh, weil er eine jener Naturen war, die dazu bestimmt sind, Abenteuer zu suchen; während er, wenn er das nicht gewesen wäre, daran gedacht hätte, ein neues Leben zu beginnen und die weiteren Vorlesungen des englischen Lektors zu besuchen.
Die Uhr zeigte am nächsten Morgen halbzehn, als Allan auf dem Trottoir vor dem großen Hotel der Universitätsstadt seine Pläne in dem Septembersonnenlicht einer Musterung unterzog. Und während er dasaß und überlegte, ob ein gesunder und normaler Mensch den Schritt, den er machte, machen konnte, ohne verfolgt zu werden, entdeckte er so allmählich noch einen Grund, seinen unklaren Plan ins Werk zu setzen, einen Grund, der möglicherweise etwas unkameradschaftlich war, aber dafür in gewissem Maße das sonst recht Phantastische seines Vorhabens aufwog.
Allan Kragh und seine Freunde waren schwedische akademische Bürger; damit ist gesagt, in welcher Weise Allan seine Quartiermeisterschaft in den berühmten Heerzügen der sechs Jahre ausgeübt hatte.
Selbst war er ja durch vorsorgliche Eltern von der Notwendigkeit befreit, aus eigener Vernunft oder Kraft Geld aufzubringen; aber die Eltern seiner Freunde waren nicht ebenso vorsichtig gewesen, und darum war es auf Allans Los gefallen, ihnen in der erwähnten Hinsicht durch verschiedentliche Autogramme zu Hilfe zu kommen. „Nicht der Endossent allein gewinnt die Schlachten, die namenlosen Reihen gewinnen sie ihm,“ pflegte Hermann Bergius jedesmal zu versichern, wenn er, wie er sich ausdrückte, Allan wieder einmal einen Ehrenposten zugedacht hatte; aber in der Regel hatte Allan gefunden, daß der Endossent sich wie die Feldherren früherer Zeiten selbst ins Kampfgewühl stürzen mußte, um die Feinde nicht triumphieren zu lassen — in diesem Falle die Banken. Mit einem Wort: er hatte sich auf Dokumenten von einer Anzahl, die er selbst nicht näher kannte, verewigt; und obgleich er zu dem Zeitpunkt, zu dem der Feldzug des siebenten Jahres beginnen sollte, noch nicht völlig erschöpft war, war er doch nicht allzu weit davon entfernt. Wenn er nun, dachte er mit einem stillen Lächeln, seinen rasch entstandenen Plan verwirklichte, und er schon zu gar nichts anderem führte, konnte er doch wenigstens zur Folge haben, daß die namenlosen Reihen sich gezwungen sahen, sich auf eigene Hand ohne den Feldherrn durchzuschlagen — bekanntlich der erstrebenswerteste Höhepunkt, den die militärische Erziehung erreichen kann ... und das wäre ja immerhin ein gewisser Vorteil für den in sechs Kriegsjahren geprüften Feldherrn, für den Fall, daß sein eigener Kriegszug in unbekannte Länder mit Niederlage und Rückzug enden sollte ...
Allan war boshaft genug, sich bei dem Gedanken an die nicht sehr platonischen Dialoge, denen die namenlosen Reihen sich hingeben würden, wenn sie die Niedertracht ihres Führers erkannten, ein Lächeln zu gönnen. Dann klopfte er dem bejahrten, rotnasigen Kellner, der seine einstündige Morgengrübelei an dem Trottoirtisch ehrfurchtsvoll beobachtet hatte. Als dieser Allans Klopfen vernahm, stürzte er, wie aus der Kanone geschossen, herbei.
„Wieviel?“