Und dabei sind die ganze Zeit die Abenteuer da, für den, der sie zu finden weiß. Sie sind überall da, wie Sonnenschein und Regen, aber im Gegensatz zu diesen mehr oder weniger ungleichmäßig verteilt auf Gerechte und Ungerechte. Es gibt Individuen, in deren Leben die Abenteuer sich geradezu häufen, ohne daß sie eigentlich etwas dafür können, und es gibt andere, die in die Grube fahren, ohne daß ihnen ein Abenteuer begegnet ist. Wer weiß? Vielleicht begegnet es ihnen dort!

Daß Allan Kragh Abenteuer erlebte, lag sowohl an ihm selbst wie an den Umständen, deren Verlauf wir in Kürze skizzieren wollen. Sein Dasein begann so uninteressant als nur möglich; denn was ist uninteressanter als ein junger Mann, dessen Leben im Alter von einundzwanzig Jahren schon Punkt für Punkt arrangiert vor ihm liegt, wie ein Konzertprogramm? Zuerst ein Einzugsmarsch: einige flotte Studienjahre; ein Walzer: eine bessere Verlobung; Stimmungsstück: die Ehe beginnt, und so weiter bis zum Schlußmarsch hinter dem Sarg. So sah es aus, als sollte Allan Kraghs Leben sich gestalten, und dann kam von dem ursprünglichen Programm eigentlich nur der Einzugsmarsch zur Ausführung.

Jetzt fragt wohl der Leser: Wie konnte Herrn Allan Kraghs Leben schon im Alter von einundzwanzig Jahren so wohlgeordnet aussehen? Es steht in der Regel, Gott sei’s geklagt, um die jungen Männer nicht so gut. Sollte Herr Kragh vermögend gewesen sein? Auf diese Frage beeilen wir uns wahrheitsgetreu zu antworten: Herr Allan Kragh war vermögend. Und er war sogar mit einundzwanzig Jahren Herr über sein Vermögen, da seine Eltern tot waren. Und in diesem Alter finden wir ihn an der Universität, ohne beschützende Verwandte, als Herr über fünfzigtausend Kronen und im übrigen als einen etwas trägen, gutmütigen, ziemlich begabten, hübsch gewachsenen schwedischen Jungen; außerdem (oder folglich) so wie König Erik XIV., leichtsinnig und mit einer Umgebung von nicht gerade trefflichen Ratgebern.

Herrn Allan Kraghs Studien interessieren uns nicht im besonderen Grade. Schon zur Zeit Mäcenas’ gab es solche, die Freude daran hatten, den olympischen Staub der Rennbahn mit dem Rade aufzuwirbeln; andere wiederum, die größeres Interesse daran fanden, in wechselndem Metrum den von Königen herstammenden Mäcenas zu preisen. Allan Kragh zeigte sich bald von der erstgenannten dieser beiden Tätigkeiten gefesselt; er wirbelte recht viel Staub auf seiner akademischen Rennbahn auf, während Personen seiner Umgebung, ohne seine Genealogie von so hohem Ursprung wie die Mäcenas’ abzuleiten, ihn doch als geeigneten Gegenstand für Huldigungsoden erkannten und ihn ihren Schutz und Schirm nannten.

Was sagt doch der Dichter von einem achtjährigen rauschenden Gelage? Allan Kragh brachte es nicht weiter als bis zu sechs Jahren an der Universität, aber daß diese von rauschenden Festen erfüllt waren, hätte nur ein sehr weitgehender Jünger Zenos bezweifeln können. Jedenfalls nicht die Kellner der Universitätsstadt oder ihrer Umgebung, auch nicht die Kellermeister, auch nicht die Schneider. Und schon gar nicht die Bank, wo seine Fünfzigtausend standen und sich nicht nur hartnäckig weigerten, sich zu verzinsen, sondern vielmehr eine unheimliche Tendenz zeigten, zum Kassagitter hinauszurutschen.

Schon in seinen ersten Studienjahren lernte er Hermann Bergius kennen, der der Feldmarschall bei den Feldzügen von Allans sechsjähriger Glanzzeit wurde. Hermann Bergius war ein spätgeborener Sprößling der großen Freibeuterführer; die verweichlichten Zeiten hinderten ihn, gleich diesen mit dem Schwert zu kämpfen und sich zu bereichern; er stritt deshalb mit der Zunge. Jahr um Jahr war vergangen, eine Generation war der anderen an der Universität gefolgt, der ungestüme Strom der Zeit war vorbeigebraust, und jede neue Generation fand Hermann Bergius da, wo er, wenn nicht tausend, so doch fünfzehn runde Jahre gestanden hatte, den Blick, zwar nicht in den trüben Strom der Zeit, so doch in den des Punsches versenkt. Wie gewisse griechische Philosophen vor Sokrates teilte er den Weg in eine unendliche Anzahl kleiner Teilchen; und so wie jene auf diese Art nachwiesen, daß Achilles die Schildkröte nicht einholen konnte, bewies Hermann Bergius auf seine Weise, daß die Zeit ihn nie zu erreichen vermochte. Seine Bildung war umfassend, sein Humor ungewöhnlich, sein Appetit unermeßlich, sein Durst noch größer; seine Fähigkeit, Strapazen und Ausschweifungen gleich gut zu ertragen, des Größten aller Römer würdig.

In seiner Armee spielte Allan Kragh hauptsächlich die Rolle des Quartiermeisters; er bezahlte die Tagesrationen aus, sorgte für die Verpflegung und das Nachtlager der Truppen und hatte nach der Regel des siebzehnten Jahrhunderts vor allem dafür einzustehen, daß sie, wenn schon nichts anderes, so doch jeden Tag einen tüchtigen Trunk erhielten. Dank dem freundschaftlichen Fuße, auf dem er mit den Banken stand, war dies ein zwar schwieriger, aber doch zu bewältigender Posten. Seine Belohnung war die Freundschaft des großen Feldmarschalls und verschiedentliche Erwähnungen in den Tagesrapporten.

Es würde zu weit führen, alle Helden der Armee der großen Zeit aufzuzählen. Da war John Peter S., Hermann Bergius’ nächster Mann und Adjutant. Da war eine unzählige Schar Kombattanten und Nichtkombattanten, Freibeuter aus allen Teilen des Reiches, Söldner für längere oder kürzere Zeit. Da war O. B., ein alter Spartaner, wie Bergius sagte, der sich auch in gebettete Betten nur mit den Kleidern legte. Da war der Amanuensis, unabsetzbarer Amanuensis in den Kaffeehäusern, aber von der Institution in dieser Eigenschaft längst verabschiedet. Sein Wahlspruch war: „Kreuzdonnerwetter, was ein alter Feldwebel ist, der kann immer noch eins vertragen.“ Abgesehen vom Amanuensis war er nämlich auch Feldwebel, und zwar mit ebenso großem Recht, ganz wie der König von Dänemark in seinen Kundgebungen noch immer über Dithmarschen, Lauenburg, Venden und weiß Gott was regiert. Da war Aistjerna, der eine kurze Gastrolle gab, bevor ihn seine hochadelige Familie noch rasch rettete, und dessen berühmtester Ausspruch fiel, als er Hermann Bergius über seine schon längere Zeit andauernde Obdachlosigkeit trösten wollte: „Ja, lieber Hermann, auch ich — äh — habe die Schrecken des Bohemelebens kennen gelernt — es hat Nächte gegeben, — äh — wo ich mich nicht nach Hause traute, sondern — äh — tatsächlich im Bristol übernachten mußte.“ Berühmt waren auch seine Reflexionen über die Spatzen: „So ein Spatz — äh — das ist wohl so ’ne Art Müller oder Schulze in der Vogelwelt.“ — Eine kurze, vielversprechende Laufbahn, so lautete Hermann Bergius’ Grabschrift für ihn, als die hochadeligen Verwandten ihr Rettungswerk vollendet hatten. — Da war noch der berühmte Baron vom Altmarkt, der Schrecken errötender Jungfrauen und die Sorge weinender Mütter, ein Casanova, fehl an Zeit und Ort — ja es war ein buntes Gefolge, und es waren bunte Erlebnisse, die Allan in ihrer Gesellschaft hatte. Natürlich immer in einem engen geographischen Kreis: Von Langfahrten war eigentlich nur die große Expedition nach Berlin zu verzeichnen, hauptsächlich denkwürdig durch den von Allan meisterlich geleiteten Rückzug: Fast ohne Geld, bedroht von der Meuterei der erregten Truppen und zu beständigen Hinterhutgefechten mit der rachedurstigen Bevölkerung genötigt, hatte er eine nichts weniger als leichte Aufgabe. Endlich stand man tiefbewegt wieder auf schwedischem Grund und Boden, wo Allan bei der großen Festmahlzeit vom Feldmarschall mit einer Umarmung vor den Truppen ausgezeichnet wurde, worauf man telegraphischen Rapport über den Rückzug an Seine Majestät den König absandte, an das deutsche Departement des Aeußern und den Sultan von Marokko, dem es augenblicklich auch dreckig ging.

Sechs Jahre von goldenen Sekunden waren auf diese Weise verronnen, da kam ein schöner Tag, der Allans großer Zeit ein katastrophales Ende bereitete. Und die direkte Ursache war so unbedeutend, daß sie auf den ersten Blick lächerlich erscheinen kann. Es begab sich, daß Allan am ersten Tage des Wintersemesters des siebenten Jahres an einen Ort kam, den er schon sehr lange nicht gesehen hatte — die Universität. Die Vorlesungen in den Sälen sollten eben beginnen. Der Gedanke, eine davon zu besuchen, berührte Allan höchst humoristisch und barock — eine gute Geschichte für den Freundeskreis. Es waren gut drei Jahre her, seit er zuletzt da oben gewesen war. Er ging in den ersten besten Hörsaal, ohne auch nur nachzusehen, was in seinen Mauern verkündet wurde. Er nahm Platz; der Vortragende kam und begann. Es erwies sich, daß Allan zu dem englischen Lektor der Universität geraten war.

Als Allan das merkte, gab es ihm einen Ruck. Gerade die Vorlesungen der fremden Lektoren hatte er während seiner ersten Jahre an der Universität tatsächlich besucht ... Er besaß Sprachentalent und hatte sich in den ersten Jahren das Deutsche und Englische in anerkennenswerter Weise angeeignet. Erinnerungen erwachten in ihm. Der jetzige Lektor war ein athletisch gebauter junger Mann mit klaren, kühnen Augen. Er hielt einen einleitenden Vortrag über die englische Kolonialliteratur; er war selbst rings um die halbe Erde gewesen und verflocht in seinen Vortrag persönliche Erinnerungen und Beobachtungen. Allan merkte, daß er noch genügend Englisch konnte, um ihn vollständig zu verstehen; er war, wie gesagt, nicht auf den Kopf gefallen. Er hörte zu, er fühlte sich interessiert, ja mehr als das, gefesselt von den Schilderungen der Länder dort draußen, und plötzlich spürte er, wie ihm eine heiße Röte ins Gesicht stieg. Was war das eigentlich für ein Leben, das er und die anderen hier führten! Was war das doch für ein Provinz-Sybaris! Wie konnte man nur Jahr für Jahr in diesem engen Kreis totschlagen? Wie konnte man! ... Jahr für Jahr ... Jahr für Jahr ... Was dachte er sich eigentlich, was wollte er? War es denn überhaupt amüsant? ... Was er und die anderen da trieben, waren ja doch Kindereien, ohne Spannung, ohne Interesse.