„Ich bin schon neugierig, was für Ueberraschungen der Maharadscha morgen für uns in petto hat,“ hatte Mr. Bowlby im Gehen zu Allan gesagt. Aber weder er noch Allan ahnte, was schon diese selbe Nacht an Ueberraschungen bringen sollte.
VI
Das Loch in der Wand und das Loch im Boden
Aus Diskretion — sowohl gegen das Etablissement wie gegen die hochgestellte Person, deren Name sich auf dem Titelblatt dieses Buches findet — müssen wir das Lokal, das den Rahmen um das sechste Kapitel bildet, mit den fünf ersten Worten benennen, die hier oben stehen. In gewisser Weise weicht dieser Name auch nicht so sehr von dem wirklichen Namen ab; und wer London gut kennt, kann vielleicht herausfinden, was für ein Lokal wir meinen und wo Allan Kragh gewisse wunderliche Abenteuer in der Nacht zum 16. September erlebte.
Als Allan das Grand Hotel Hermitage nach halb neun verließ, hatte er keinen bestimmten Plan für den Abend. Er schlenderte nach Leicester Square hinunter, ging ins Empire und sah eine Vorstellung, die aufs Haar allen anderen Varietévorstellungen glich. Sie bereitete ihm keinerlei Enttäuschung, aber, wie ein hervorragender Schriftsteller von der Zigarette, dem Typus des Genusses sagt — sie reizte ihn und ließ ihn unbefriedigt. Er empfand das, was er so oft bei den Eskapaden der Studentenzeit empfunden und was ihn schon soviel Geld gekostet hatte, eine ausgesprochene Unlust, nach Hause zu gehen. Er bog in eines der Gäßchen hinter dem Empire ein, schlenderte da aufs Geratewohl herum, ohne irgendwelche Angst vor den Typen, die das Londoner Abendleben bot, und ohne die zweifelhafte Beleuchtung weiter zu beachten. Wenn wir sagen würden, daß er sich dabei beobachtet oder verfolgt fühlte, so wäre dies eine Unwahrheit; aber trotzdem ist es, wie die Fortsetzung zeigen wird, Tatsache, daß er seit dem Verlassen des Hotels beobachtet und verfolgt und mit infernalischer Geschicklichkeit gerade an jenen Ort gelotst wurde, wo man ihn haben wollte. Urplötzlich befand er sich in, ja, in der Straße, in der Das Loch in der Wand gelegen ist. Er blieb vor der diskret beleuchteten Fassade stehen, die irgendeinem kleinen Café in kontinentalem Stil anzugehören schien. Sollte man nach Hause gehen und Mr. Bowlbys Einladung Folge leisten oder nicht? Ein anderer Herr tauchte plötzlich auf, öffnete die Türe zum Loch in der Wand und blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen; Allan sah im Flug einen Raum, der einladend aussah, und faßte seinen Entschluß. Fast in den Fußstapfen desjenigen, der die Türe geöffnet hatte, trat er ein, nachdem er auf seine Uhr gesehen. Sie zeigte zwanzig Minuten über elf.
Das „Loch in der Wand“ erwies sich als eine Kombination von englischer private bar und kontinentalem Café, dem Aussehen nach überaus respektabel. Ein mattglänzendes Mahagonibüfett in Halbmondform wölbte sich um die rechte Längsseite des Raumes, dahinter thronten drei diskret gekleidete Barmaids. Alle schön, aber von ebenso respektablem Aussehen wie die Bar, in der sie figurierten. Die linke Hälfte des Raumes hatte Korbstühle und kleine Tischchen. Da war ein offener Kamin, augenblicklich unbenützt, und ein Tischchen mit Zeitungen und Zeitschriften. Die Beleuchtung war ebenso diskret und angemessen wie die übrige Einrichtung.
Für den Augenblick waren sämtliche hochbeinige Stühle an der Bar von Herren in Frack und weißer Krawatte besetzt, die offenbar, so wie Allan, auf dem Heimwege vom Theater oder von einer Gesellschaft einen Blick hereingeworfen hatten. Der Mann, der unmittelbar vor Allan eingetreten war, saß an einem der kleinen Tischchen. Allan ließ sich am Nebentisch nieder, bestellte einen Whisky und gab sich der Betrachtung der drei schönen Barmädchen hin. Die eine von ihnen war von schwedischem Typus, mit länglicher Kopfform, schmalem Gesicht und hellblauen Augen. Allan, der eben den ersten Schluck von seinem Whisky getrunken hatte, fühlte sich mit einem Male heimisch und verspürte die Lust, mit jemand zu plaudern. Er wendete sich seinem Nachbar am nächsten Tisch zu und fand, daß dieser ihn beobachtete. Allans Wunsch gleichsam zuvorkommend, beugte er sich lächelnd vor und sagte auf deutsch:
„Entschuldigen Sie, wenn ich mich vielleicht irre, aber sind wir nicht Landsleute?“
Allan hatte jetzt lange Zeit immer nur englisch gesprochen und empfand es als eine angenehme Abwechslung, einmal eine andere Sprache zu reden. Er schüttelte den Kopf:
„Nein, ich bin kein Deutscher, aber ich spreche Ihre Sprache. Sie finden, daß ich deutsch aussehe?“
Der Fremde fuhr fort ihn zu mustern.