„Diner, meine Herrschaften! Wünschen die Herrschaften zu dinieren? Diner, meine Herrschaften, zweites Service jetzt fertig.“

Der Zug flog über die blinkenden Stahlschienen, Köln zu. Die Wagen schlingerten in den Kurven und neigten sich bald auf die eine, bald auf die andere Seite. Die Landschaft flog vorbei, flach und nichtssagend; vor ein paar Stunden hatte man Osnabrück passiert. Der Septemberhimmel war klar, blau, unendlich hoch, mit leuchtenden, weißen Wolkenmassen, die einander jagten; der Wind war frisch, kühl mit einem feinen, schon vernehmlichen Herbstduft. Ab und zu, wenn man an irgendeinem Fluß oder Kanal vorbeiflog, war sein Wasser durchsichtig grün, und hier und dort segelten früh abgefallene Blätter auf seinem Spiegel. Der Zug hastete weiter und weiter; und Allan Kragh stand in private Meditationen versunken, den Kopf halb zu einem Korridorfenster hinausgestreckt, ohne sich daran zu kehren, daß der Wind ihm ins Gesicht peitschte und hie und da Rußflocken von der Lokomotive mitbrachte. Die Stimme des Speisewagenkellners weckte ihn aus seinen Grübeleien; er sah auf seine Uhr, die etwas über eins zeigte und erinnerte sich plötzlich, daß er seit den zwei Eiern und dem Kaffee im Hauptbahnhof in Hamburg nichts gegessen hatte. Zugleich mit diesem Gedanken verspürte er mit einem Male einen vortrefflichen Appetit. Er nickte dem Mann in der weißen Jacke zu und bekam von ihm eine Platzkarte.

„Ganz besetzt heute, für alle Diners,“ vertraute er Allan an, wie um diskret anzudeuten, daß das Trinkgeld danach sein sollte.

„Hat das Service schon begonnen?“ fragte Allan.

„In zwei Minuten, mein Herr.“

Der Abgesandte des Speisewagens eilte weiter, und Allan ging durch den schwankenden Korridor in die Toilette am anderen Ende des Wagens.

Aus welchen Anlässen Allan Kragh sich in diesem Zug befand, ist eigentlich nicht leicht zu erklären — richtiger gesagt, der einzige Anlaß, der vorlag, war so bizarr, daß er lächerlich wirkt, wenn man ihn erzählt. Am frühen Morgen dieses Septembertages war er nach Hamburg gekommen, ohne die leiseste Ahnung, wohin er seine Schritte lenken oder was er zunächst unternehmen sollte. Er machte aufs Geratewohl einen Spaziergang um das Viertel gegenüber der Ankunftseite des Hauptbahnhofes, befand sich nach einigem Herumirren unten an der Alster, und dachte schon daran, bis auf weiteres in Hamburg zu bleiben, das eine schöne und anziehende Stadt zu sein schien. Dann verabschiedete er diesen Gedanken wieder und kehrte durch die noch morgenleeren Straßen (die Uhr war etwas über sieben) zum Hauptbahnhof zurück. Er fand ihn mit allen modernen Bequemlichkeiten versehen, ließ sich rasieren, wechselte etwas Geld und nahm ein hastiges Frühstück in dem großen Restaurant ein. Fünf Minuten vor halb acht Uhr wurde von einem galonierten Bediensteten ein Zug nach Paris ausgerufen; Allan verließ das Restaurant, noch immer im Unklaren, was er tun sollte, und ging zu den Billettschaltern. Fahrpläne bedeckten die Wände in militärischen Kolonnen; keine verlockenden Affichen mit Bildern des blauen Meeres und der grünen Wälder, nur Betriebsverordnungen und Ziffern. Vor einem der Billettschalter für den Fernverkehr standen drei Personen, die plötzlich Allans Aufmerksamkeit erregten: Ein junger Mann von vielleicht dreißig, etwa von seiner eigenen Statur, mit einem glattrasierten dunklen Schauspielergesicht, kurzen Koteletten und goldgefaßtem Zwicker; ein alter Herr mit roter Raubvogelnase, gelben, stechenden Trinkeraugen und einem gelbgrauen Schnurrbart; ferner eine junge Dame in grünem Reisekostüm, um den Hals ausgeschnitten, über die Hüften knapp anschließend und so fußfrei, daß zwei Knöpfelschuhe mit grauen Gamaschen zu sehen waren. Ihr Gesicht hatte einen etwas hochmütigen Ausdruck, mit zwei großen grauen Augen und einer etwas geschürzten Oberlippe. Es war äußerst frappierend unter dem Reisehut in schwarz und grün, der wie ein Musketierhut auf ihrem rotblonden Haar saß. Sie hatte drei oder vier amerikanische Zeitschriften in der Hand. Allan verschlang sie mit den Augen: Sie hätte d’Artagnans Geliebte sein können oder eine der schönen blonden Agentinnen des Kardinals. Jetzt eilte der jüngere Herr vom Billettschalter fort; der ältere nahm seinen Platz ein, auf dem Fuß gefolgt von der auffallenden jungen Dame, die einige Goldmünzen zwischen ihren behandschuhten Fingern hielt. Nun ging der ältere Herr, und sie nahm seinen Platz ein. Allan kam ein Einfall, und er folgte nach. Er hörte sie in vollkommen korrektem Deutsch sagen: „Erste einfach, Paris.“ Sie stellte noch ein paar Fragen, die der Mann am Schalter beantwortete. Sie war also eine Deutsche, obwohl sie so amerikanisch aussah. Nun hatte sie ihre Fahrkarte. Allan verließ den Billettschalter und folgte ihr in einiger Entfernung. Er sah sie etwas Reisegepäck aufgeben und die Treppe zum Perron hinuntergehen. Sie war in ihrem raschen, elastischen Gang noch schöner, als wenn sie stille stand. Er sah sie noch dort unten den Zug entlang gehen, dann war sie außer Sehweite. Der galonierte Mann kam durch die Bahnhofshalle gewandert und schrie mit Stentorstimme:

„Schnellzug nach Paris und Holland! Eine Minute!“

Da kam Allan eine barocke Idee. Ohne zu überlegen, was er tat, oder weshalb er es tat, stürzte er zum Billettschalter zurück, an dem er die drei gesehen, riß eine Banknote heraus und rief dem Mann dahinter, der ihn vorhin, als er gegangen war, ohne eine Karte zu lösen, erstaunt angestarrt hatte, zu:

„Paris, einfach, erste!“