„Sie müssen sich aber eilen!“ schrie der Mann zurück. „Der Zug geht um sieben Uhr neununddreißig. — Sie haben gerade noch vierzig Sekunden.“
Allan stürzte zurück, das Billett in der Hand, während in seinem Kopf sich die Gedanken kreuzten. Das war der helle Wahnwitz ... Sein Gepäck stand in der Garderobe deponiert; er hatte unmöglich Zeit, es herauszubekommen; er mußte natürlich diesen geistesgestörten Einfall aufgeben. — Oder sollte er das Gepäck hier lassen und später telegraphieren? Das war offenkundig vollkommen irrsinnig ... Es gingen ja noch Züge, aber ... aber sie fuhr mit diesem! Wenn es ihm gelang, ihr von dem Opfer zu erzählen, das er um ihretwillen gebracht, würde sie das vielleicht rühren ... Ohne daß er wußte wie, hatte er die Kontrolle passiert, stürzte Hals über Kopf eine Treppe hinunter, zu einem Zug, der sich eben in Bewegung setzte, während die Schaffner die letzten Türen zuschmetterten. — Da, gerade noch in der letzten Sekunde war er mit einem Sprung in einem der rückwärtigsten Waggons. Glücklich hinaufgekommen, zauderte er wieder. Das war ja der reine Wahnsinn! Sollte er wieder abspringen? Dann zuckte er die Achseln mit einem Lächeln über sich selbst.
„Fahre ich mit,“ murmelte er vertraulich dem Korridorfenster zu, „dann brauche ich wenigstens keine Polizeistrafe wegen unerlaubten Abspringens zu bezahlen.“
Nachdem er sich überzeugt hatte, daß er sich im letzten Personenwagen befand, machte er sich auf die Wanderung durch die Korridore, um nach der Unbekannten auszuschauen.
Der Wagen, in dem er gelandet war, war ein Waggon dritter Klasse; er ging durch, ohne sich die Passagiere näher anzusehen. Darauf folgte ein durchgehender Waggon zweiter Klasse nach Amsterdam, er drängte sich mit einer gewissen Schwierigkeit hindurch, so voll war er von Passagieren. Darauf kam ein direkter Wagen nach Süddeutschland, beinahe ganz besetzt. Daran schloß sich der Speisewagen. Hier war es verboten, zu passieren, da man sich durch die Küche hätte drängen müssen. Allan versuchte es mit Bestechungen, deren Annahme verweigert wurde, und erhielt den Bescheid, daß er bis Bremen warten müsse, wo man eine Minute Aufenthalt hatte. Er setzte sich an einem Fenster im Korridor des süddeutschen Wagens zur Ruhe, wo er sich von dem Morgensonnenschein durchrieseln ließ und nach Herzenslust die kühle Septemberluft einatmete. Er dehnte die Brust und lachte in sich hinein; das war doch etwas anderes, als auf den ausgetretenen Straßen dieses Provinz-Sybaris herumzustampfen! Plötzlich begannen die Wagen gegeneinanderzurasseln, der Zug wurde langsamer und rollte durch eine Vorstadt von roten Ziegelvillen in Bremen ein. Im Handumdrehen war Allan draußen in der Bahnhofshalle, kaufte sich ein Päckchen Zigaretten, etwas Obst und einige Zeitungen und sprang in das nächste Coupé nach dem hinderlichen Speisewagen.
Er wartete, bis der Zug sich in Bewegung setzte, bevor er seine Forschungen wieder aufnahm. Dieses Mal waren sie von besserem Erfolg gekrönt. Der Wagen hinter dem, in den er aufgesprungen war, war ein Wagen erster und zweiter Klasse nach Paris, und in der dritten Coupéabteilung der ersten Klasse saß die Unbekannte.
Leider war sie nicht allein. Der alte Herr mit der roten Raubvogelnase und dem buschigen, graugelben Schnurrbart, saß ihr gegenüber am Fenster; sie fuhr zurück, er in der Richtung des Zuges. Sie schienen einander fremd zu sein. Allan sah einen Augenblick zögernd in den Wagen; der alte Herr mit der feinen Rotweinnase hatte das Netz auf seiner Seite mit einer Menge Gepäck beladen — suitcases, gladstone-bags, Reiseplaids, Fernstecherfutterale und weiß Gott was — es stand im Verhältnis zum vornehmen Aussehen seines Riechorganes. Die Unbekannte ihm gegenüber hatte zwei kleine Täschchen, eine Hutschachtel und einige Reisekissen. Im Augenblick saß sie in einer künstlerisch berechneten Pose zwischen vier Stück der letzteren hingegossen und schien zu schlafen. Allan starrte bewundernd ihr Rasseprofil an und den Schatten, den ihre Wimpern auf der feinen Wange bildeten; ihr rotblondes Haar, das wellig und reich war, schien ein wenig derangiert. Der fußfreie Reiserock war ein bißchen hinaufgeglitten und zeigte eine schlanke, aber volle Wade über der grauen Gamasche. Nach ein paar Augenblicken andächtiger Versunkenheit trat er ein und setzte sich auf das Sofa des alten Herrn.
Dieser begrüßte sein Erscheinen mit einem Blick des herzlichsten Widerwillens. Er schlug sein Auge zum Netz auf, wie um anzudeuten, daß, wenn Allan (der sich zu allen Teufeln scheren mochte) sein ganz unerwünschtes Reisegepäck dort placieren wollte (was Gott verhüte), er genötigt wäre, seine eigenen, dort befindlichen Habseligkeiten fortzuschieben. Allan zuckte die Achseln mit einer Miene, die der der Rotweinnase an Mitreisendenverachtung nur wenig nachgab, und kundgeben sollte, daß er (der nach internationalen Konventionen das volle Recht hatte, in der Klasse zu reisen, für die er eine Karte gekauft hatte) es aus einer Laune vorzog, während er in diesem preußisch-hessischen Wagen fuhr, sein Reisegepäck, das den Vergleich mit dem des bordeauxnasigen alten Herrn in diesem Zug keineswegs zu scheuen brauchte, von der Garderobe des Hamburger Hauptbahnhofs verwahren zu lassen. Nach diesem Austausch von Florettblicken ließen sich die beiden Herren in Ruhe auf ihren Plätzen nieder; die Raubvogelnase im Schutze des Hamburger Fremdenblattes, Allan ohne Bedeckung. Die Augenwimpern der jungen Dame, die sich ein paar Sekunden eine Ahnung gehoben hatten, ohne daß jemand es gesehen, nahmen ihre frühere entzückende Lage auf den Wangen wieder ein.
Der Zug sauste weiter, und die Wolken leuchteten im Septembersonnenschein. Allan versank in vage Träumereien, während seine Augen über sein Visavis hin und her wanderten.
Man war nun etwa auf halbem Wege von Bremen nach Osnabrück (die Uhr zeigte ungefähr zehn), als plötzlich ein Kondukteur erschien, um die Billette zu markieren und Platzkarten auszufertigen. Allan reichte sein Billett hin, das besichtigt wurde; der alte Herr mit der Raubvogelnase desgleichen. Die Unbekannte in der Fensterecke schlief noch immer. Der Kondukteur räusperte sich und ließ ein paar vergebliche „Gnädige!“ hören. Sie rührte sich nicht. Allan glaubte eine Chance zu sehen. Er beugte sich vor und legte seine Hand vorsichtig auf jene Stelle ihres grünen Reisekostüms, wo man die Rundung des Knies ahnte. Sie schlug die Augen auf, starrte einen Augenblick Allans Hand an, die dieser noch nicht zurückgezogen hatte und fuhr mit einer Miene so unverkennbaren Widerwillens auf, daß Allan zurückprallte, während eine lebhafte Röte sich über sein Gesicht verbreitete. Der Kondukteur lächelte diskret und wiederholte sein: „Gnädige!“ Die Unbekannte reichte ihm ihre Fahrkarte, während ihre Augen damit beschäftigt waren, Allan zu morden; worauf sie plötzlich vom stummen Spiel zur Sprechszene überging. Und zwar auf englisch. — Allan war ein wenig erstaunt, da sie auf dem Bahnhof in Hamburg perfekt deutsch gesprochen hatte. Sie mußte doch voraussetzen, daß er ein Deutscher war. Sie wandte sich an den alten Herrn mit der Raubvogelnase.