„Gottlob ist der Champagner für uns noch kalt,“ sagte Allan. „Prost! Seine Königliche Hoheit dort auf dem Diwan scheint ein bißchen ermüdet.“

„Mein Schüler“, sagte der alte Hofdichter, indem er sein Glas austrank, „ist noch nicht recht vertraut mit dem Wein der weißen Sahibs. Seine verräterische Süßigkeit hat ihn überwältigt. Bei der Erkenntnis dessen schaudere ich, wenn ich an die blauäugigen weißen Frauen denke, von denen er träumt. Sicherlich hat Nasirabads letztes Stündlein geschlagen, wenn eine von ihnen ihn in ihre Arme schließt. Woher wissen Sie, wer mein Schüler ist?“

„Ich habe ja schon gesagt, daß wir im selben Hotel wohnen.“

Kurz nach dieser letzten Antwort mußte auch Allans Bewußtsein sich umnebelt haben. Auf jeden Fall war es das Letzte, was er am nächsten Tag aus seiner Erinnerung hervorzuholen vermochte. Auch in die Handlungen, die er und die anderen Anwesenden darnach vornahmen, konnte er keine Klarheit bringen. Er erinnerte sich undeutlich, daß er, nachdem er noch ein paar Gläser getrunken, aufgestanden und unter der heiteren Zustimmung seines eigentümlichen Begleiters, der noch immer im Gespräch mit Mr. Stanton dasaß, durch die Draperien in die Loge Nr. 6 gewankt war, aus der Mr. Stanton und seine Schützlinge gekommen waren. Ein paar Augenblicke starrte er die Loge an, die ebenso eingerichtet war wie die andere, und den Tanz, der draußen auf dem Glasboden unablässig weiterging. Dann legte er sich auf einen Diwan.

Das nächste, woran er sich dann erinnerte, war, daß sein Begleiter und Mr. Stanton durch die Draperie zu ihm hineinguckten; sie sahen auf ihre Uhren, lächelten und zogen sich in die Loge Nr. 5 zurück; er fing noch den Laut der Stimme des alten Hofdichters auf, der irgend etwas rezitierte, und ein Schnarchen, das vermutlich von Yussuf Khan kam.

Vermutlich war er selbst gleich darauf eingeschlummert, aber es ist unsicher, wie lange er geschlafen hatte, als er mit einemmal klar wach war, so wie es manchmal vorkommt, von einer Idee gepackt, einer halben Ahnung, wie man sie im Schlaf hat, einer Idee, die ihn dazu brachte, sich kerzengerade auf dem Diwan aufzusetzen und vor sich hinzustarren. War das der Zweck des Ganzen. Waren deshalb gerade er und die beiden Inder in dieses eigentümliche Lokal geführt worden? Hatte deshalb sein Begleiter eine so plausible Erklärung für Herrn Mirzls Vorgehen geben können? ... Dann war eine Sache sicher — er mußte sich eilen, wollte er ihre Pläne durchkreuzen; und eine andere Sache beinahe noch sicherer — er mußte mit äußerster Vorsicht zu Werke gehen, wenn es ihm gelingen sollte ... Noch wirr im Kopf von dem Champagner und unsicher auf den Beinen nach dem Schlaf erhob er sich von dem Diwan und schlich, so leise er konnte, zur Logentüre. Dort angelangt, blieb er stehen und sah vorsichtig nach den Draperien zur Loge Nr. 5. Sie hingen regungslos, kein Laut war von dort drinnen zu hören. Er drückte vorsichtig die Klinke nieder. Sie gab lautlos nach. Gott sei Dank, die Türe war also nicht verriegelt, wie er schon befürchtet hatte.

Er öffnete sie so behutsam er konnte, und guckte mit einem Auge in die Halle. Sie war leer; von dem orientalisch gekleideten Diener war nichts zu sehen. Mit noch einem gemurmelten Segensspruch auf den Zufall oder die Vorsehung ging er zur Türe hinaus, schloß sie hinter sich zu und schlich auf den Zehen zu zwei großen Doppeltüren mit elegant vergitterter Glasfüllung. Nur fort, so rasch als möglich. Er sah hastig auf seine Uhr, die fast zwei zeigte — keine Zeit, an Ueberrock und Hut zu denken — als er eine Entdeckung machte, die ihn zurücktaumeln ließ.

Die großen Hallentüren waren ebenso fest und unerschütterlich verschlossen wie eine Gefängnispforte!

Für einen Augenblick stand er wie gelähmt da, fast bereit, in die Loge zurückzukehren und die Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen. Dann jedoch gewann die Empörung die Oberhand, und er begann mit zusammengebissenen Zähnen nach einer Möglichkeit zu suchen, den Leuten dort drinnen ein Schnippchen zu schlagen. Er grübelte und grübelte, während seine Augen rings um die Halle irrten, jeden Augenblick darauf gefaßt, den Diener auftauchen zu sehen. Die Halle bog sich nach rechts und links zu Korridoren um, die die Logen rings um den Saal mit dem gläsernen Boden umschlossen. Vielleicht war dort irgendein Ausgang? Er verjagte den Gedanken an diese Möglichkeit ebenso rasch, als er aufgetaucht war. Fand sich dort irgendein Ausgang, so war er sicherlich ebenso fest verrammelt wie der Hauptausgang. Der Diener in der orientalischen Gewandung hatte natürlich dafür zu sorgen, daß kein Unberufener herein oder heraus kam; und diesem Diener wollte er keinesfalls begegnen. Er hätte darauf schwören mögen, daß er seine Weisungen hatte! — War das Spiel also verloren? Schon waren drei Minuten vergangen, seit er die Loge verlassen hatte — hallo!

Mit einem Male fiel ihm etwas ein.