Er sah die Szene wieder, als er mit seinem wunderlichen Begleiter herausgekommen war; der Diener hatte ihre Ueberkleider genommen und sie in die Garderobe hinüber getragen, deren Türe er durch den Druck auf einen Knopf geöffnet hatte. Und drinnen in der Garderobe hatte Allan einen Augenblick eine halb offene Türe gesehen, die zu einer Hintertreppe führte. ... Ohne diesen Gedanken zu Ende zu denken oder die Chancen zu berechnen, ob er auch den Knopf zur Garderobetüre entdecken und die andere Türe geöffnet finden würde, stürzte Allan quer durch die Halle zur Garderobetüre. Er ließ die Finger über die Wand fahren, auf die er den Diener drücken gesehen hatte; Sekunde für Sekunde verging, von seinem Herzen mit einem Hämmern markiert, das man seiner Empfindung nach durch das ganze Haus hören mußte; seine Finger flogen über die Wand hin und her, ohne jedes Resultat. Halb verzweifelt ließ er die Hände sinken und starrte die Wand an. Seine Verzweiflung ging in kindische Erbitterung über; er versetzte der Wand einen Faustschlag, der dumpf krachte und weh tat, aber — o Wunder! — im selben Augenblicke öffnete sich die Türe. Im nächsten war Allan in der Garderobe und zog die Türe hinter sich zu, ohne zu bedenken, daß er keine Zündhölzchen bei sich hatte. Er tappte zu den Ueberkleidern, die er dort drinnen hängen gesehen hatte, und durchsuchte mit fiebernden Händen eine Tasche nach der andern: Die internationalen Feuerfresser schienen den Gebrauch von Zündhölzchen abgeschworen zu haben, und sie hätten doch die Nächsten dazu sein sollen! Ohne daran zu denken, was er in Gestalt von gebrochenen Beinen und ähnlichem riskierte, gab er seine Nachforschungen in den Ueberrocktaschen auf und tastete sich zu jener Ecke der Garderobe, wo er am Abend die offene Türe gesehen hatte. Eigentümlicherweise fand er sie so gut wie gleich, und zwar noch immer angelehnt.

Er öffnete sie ganz und machte mit ausgestreckten Händen ein paar vorsichtige Schritte über die Schwelle. Er fand ein eisernes Geländer und konstatierte, daß da eine Wendeltreppe sein mußte. Er trat einen Schritt zurück und schloß die Türe zur Garderobe wieder, um keinerlei Spuren zu hinterlassen; dann begann er die Wendeltreppe herabzusteigen, so rasch er es bei dieser Dunkelheit wagen konnte.

Wenn der Leser je eine dunkle Treppe in einem fremden Hause ohne andere Richtschnur als das Gefühl hinauf oder hinunter gegangen ist, dürfte dem Leser eines aufgefallen sein: Sie erscheint ebenso endlos wie ein Satz eines besseren lateinischen Schriftstellers. Wenn der Leser diese Beobachtung nicht gemacht hat, hat der Leser nie einen besseren lateinischen Schriftsteller gelesen. Allan Kragh, der in dieser Hinsicht zu den Bevorzugten gehörte, hatte Gelegenheit zu konstatieren, daß die Wendeltreppe, die er gefunden, gut und reichlich so lang war, wie der Satz, wo Livius seine Reflexionen über die Schlacht bei Cannae beginnt. Er glaubte Aeonen gegangen zu sein und fragte sich schon, ob die Treppe zu den Verließen des Feuerfresserklubs führte, zum Inferno oder zu irgendeiner Station der Londoner Untergrundbahn, als die Treppe plötzlich ein Ende nahm und er vor einer Türöffnung stand, durch die graues Nachtlicht hereinrieselte. Er eilte so eifrig hinaus, als sei es die Pforte zu einem verzauberten Garten. Sie führte jedoch nur zu einem dunklen Brunnen — wenigstens kam es ihm so vor. Himmelhohe Hausgiebel und Feuermauern erhoben sich auf allen Seiten, mit oder ohne Reihen von dunklen Fenstern. Er suchte die Finsternis rings um sich mit den Blicken zu durchdringen. Sollte er seine Flucht nur unternommen haben, um in eine Falle geraten zu sein? Er begann sich zwischen den Gegenständen auf dem Grund dieses Schachtes, der sich nach links ausbuchtete, weiterzutasten. Er folgte der Hausmauer. Nun kam eine Biegung im rechten Winkel, dann wieder eine in der früheren Richtung. Plötzlich fand sich Allan, mit einem Ruf der Erleichterung, vor einem Gitter zwischen zwei hohen Hausgiebeln, von denen der eine mit Efeu bewachsen war. Ohne eine Sekunde zu zögern, begann er das Gitter zu überklettern und kam mit einem zerrissenen Hosenbein auf die andere Seite hinüber. Die Straße, in der er nun stand, war kurz und sah sehr vornehm aus. An ihrem einen Ende war ein offener Platz, undeutlich beleuchtet; und auf diesem entdeckte Allan zu seiner unbeschreiblichen Freude nichts Geringeres als ein Cab.

Der Cabby unterzog ihn einer genauen Okularbesichtigung und stellte die Forderung eines Vorschußerlages, bevor er das Pferd aus seinem beschaulichen Schlummer riß und es dem Grand Hotel Hermitage zutraben ließ. Herren ohne Hut und Ueberrock um diese Tageszeit flößten ihm offenbar gemischte Gefühle ein. Allan drinnen im Cab kam es vor, als rührte sich dieser gar nicht vom Fleck; Straße um Straße passierten in unendlicher Prozession vorbei, Häuser, Häuser und Häuser, Firmenschilder und Schilder, die eine rotgelbe Gaslaterne nach der anderen. Er starrte die Zeiger seiner Uhr an, wie sie dahinkrochen — immerhin bedeutend schneller als der Cab, schien es ihm. Hier und da sandte er durch die Dachluke dem Cabby einen flehentlichen Ruf zu; jedesmal kam ein Ruck der Zügel als Antwort und eine schwache Reaktion in der Mähne des Pferdes. Es wurde zehn Minuten vor halb drei, fünf Minuten vor halb drei. Jetzt kam er sicherlich zu spät ... Endlich bog der Cab in eine breitere asphaltierte Straße ein, die er erkannte, und stand auf dem Monmouth Square.

Das Grand Hotel Hermitage lag stumm und schlummernd da, kaum ein Fenster der großen Fassade war beleuchtet; es schien Allans Ahnungen wenig Berechtigung zu geben. Und doch dauerte es kaum so lange, bis er in die Halle gekommen war, als ihm auch schon die Bestätigung wurde, die er zugleich befürchtet und ersehnt hatte.

Der Nachtportier, der den Seiteneingang mit einem erstickten Gähnen geöffnet hatte, erstickte dieses gänzlich, als er Allan erblickte. Er prallte zwei Schritte zurück und starrte Allan wie ein Gespenst an.

„Wer sind Sie?“ rief er.

„Nr. 417!“ rief Allan. „Rasch! Kommen Sie mit! Es ist keine Minute zu verlieren.“

„Aber ich habe Sie doch vor zwei Stunden nach Hause kommen sehen ...“

„Ich weiß! Ich weiß! Ich werde Ihnen schon alles später erklären. Man hat ein Verbrechen geplant — ist Mr. Bowlby mit seiner Familie schon nach Hause gekommen?“