Aber mehr als diese wissenschaftlichen Beobachtungen bedeutete mir die wundervolle Landschaft, welche vom Gipfel aus nach allen Seiten sich um mich ausbreitete. Ich wußte nicht, in welche Himmelsrichtung ich zuerst blicken sollte. Ich wandte mich von einer Seite zur anderen, meine Augen tranken voll Wonne all die Schönheit in sich und die ganzen Stunden lang erfüllte mich ein Gefühl des Glückes in dieser menschenfernen Einsamkeit. Hier war ich einmal wirklich fern dem Krieg und den sich hassenden Menschen. Hier tönte der Lärm der Kämpfe nicht herauf und nur die Uniformen, mit denen wir bekleidet waren, erinnerten daran, in welcher Zeit all die Vertreter friedfertiger Berufe sich hier versammelt hatten.
Es war ein schöner Sommertag; am dunkelblauen Himmel schwebten mächtige weiße Wolkenballen hoch über den Bergen und warfen ihre wandernden Schatten auf deren Hänge. Vor allem großartig war der Blick nach Süden; über den Rasenhang vor uns senkte sich der Berg steil zu einem grasbewachsenen Vorberg hinab, den ein dunkler Wolkenschatten scharf vom Hintergrund abhob. Von seinem kahlen Rand mußte es schroff sich zum Tal und zur Paßstraße nach Prizrend hinabsenken; denn blau und zart hoben sich jenseits schon die nächsten Berge von ihm ab. Lange Hochtäler zogen südwärts bergan, von Bergketten eingefaßt, deren beide Flanken man von unserer Höhe viele Kilometer weit nach Süden überblicken konnte, bis sie dort in hohe Gipfel übergingen, deren Nordhänge Schneefelder bedeckten. Silbern blinkte aus jedem Tal der Bach herauf, dessen Zickzackband auf beiden Seiten vom Bergkamm gleichsam nachgeahmt wurde. Eine ungezählte Menge von Tälern und Schluchten modellierten die Seiten der Bergketten, zwischen denen hier und da ein grüner Rasen, eine dunkle Waldgruppe auftauchten.
Steile Felshänge und mächtige Schutthalden verrieten auch hier die Arbeit von Wasser, Eis und Wind, welche diese grandiosen Formen gestaltet hatten. Fast stahlblaue Flecken wurden von den Wolkenschatten über weite Gebiete gebreitet. So wie mit der Wolke ihr Schatten weiter wanderte, traten im Licht der Sonne alle Einzelheiten der Landschaft scharf hervor, jede kleine Kuppe, jede Schrunde, jeder Felsen und Sturzbach kam dem Auge gleichsam entgegen geeilt. Im Hindergrund der Täler, wo sie allmählich in den Wänden der hohen Berge verstrichen, lag in der Tiefe leichter Dunst.
Darüber aber hoben sich in kristallener Klarheit die gewaltigen Kegel mächtiger Hochgipfel; prachtvolle, edle Formen zeigten diese albanischen Berge mit ihren kühnen Umrißlinien.
In allen Abstufungen reiner blauer Töne modellierten sich ihre steilen Abstürze und breiten Flanken. Feine violette Schatten mischten sich am Nachmittag dazu, prachtvoll die zahlreichen Schneefelder aufblinken lassend, die uns anzeigten, daß dort die Gipfel annähernd so hoch wie unser Standort oder noch höher waren.
Zart verschwamm Kette hinter Kette in von der Sonne durchgoldetem Blau. Ganz im Süden, fern von uns schimmerten die gewaltigen Zinnen eines Bergstocks von beträchtlicher Höhe. Wie ein Feenpalast erhob dies Massiv seine eis- und schneebedeckten Massen über den kleineren Gebirgen vor ihm. Glitzernd wurden die Strahlen der Sonne von seinem Nordhang uns zugeworfen. Wir erkannten in ihm den Korab, ein Gebirge mit Gipfeln von etwa 3000 m Höhe, welches nordwestlich vom Ochridasee gelegen ist.
BLICK VOM KOBELIZAGIPFEL, südwärts.
Ganz anders geartet war der Blick nach Norden, da zog die Kette des Schardakh in düsterer Nacktheit gegen den Ljubotren hin. Schroffe, kahle Felsenberge bildeten eine lange Kette, deren hintere Berge den Gipfel des Ljubotren offenbar verdeckten, denn wir konnten diesen nicht mit Sicherheit erkennen. Steil fiel der Abhang von uns hinab in die Mattenregion, welche sich um den Gipfel der Kobeliza ostwärts bis zur Gegend unseres Lagers hinzog. Direkt uns gegenüber stiegen steile Felsenwände senkrecht mehrere hundert Meter hinan zu einem scharfen Kamm. Etwas östlich führten in sanfter Neigung von der Mattenregion Rasenflächen zu einem breiten Buckel, der sich an den Felskamm anlehnte, vor uns aber ihm gegenüber mit steiler Felswand eine Schlucht begrenzt.
Auf dem Rasen des Buckels weideten tausende von Schafen, von oben herab sah jedes wie ein heller oder dunkler Punkt aus. Die Hunde, welche um die Herden herumtobten, trieben sie immer wieder zu dichten Haufen zusammen, welche wie Wölkchen aussahen, die immerfort ihre Gestalt änderten. Ganz seltsam wurde das Bild, als plötzlich zwischen uns und den Herden ein Adler seine Kreise zog. Da drängten sich alle Schafe zu einem mächtigen Haufen zusammen und liefen erst wieder auseinander, als der große Vogel mit majestätischem Schwung über die Felswände emporstieg.