Westwärts begann unterhalb des kegelförmigen Rasengipfels der Kobeliza ein steiler Grat, der vor allem nach Süden schroff abfiel. Auch nach Westen trennte uns ein Steilabfall von der anschließenden Kette albanischer Berge. Eigenartig hob sich der weiße Kalkstein der Gipfelregion von dem in dieser Höhe noch recht frisch grünen Rasen ab, in welchem die blauen Sternchen der Alpenaster an vielen Stellen aufleuchteten.
Dunkle Wolkenschatten lagen auf den jenseitigen Bergen, welche unsere albanischen Begleiter die Hasanitza nannten. Wir stritten uns lebhaft, ob ein dort zu Tal prasselnder Steinschlag von einem Rudel Gemsen losgelöst sei, oder ob so hoch oben Vieh weiden könne. Die Leute erzählten uns viel von den Gemsen, die tatsächlich in diesem Gebiet nicht selten sein müssen. Unsere Versuche, an solche heranzukommen oder während unseres Aufenthalts sie von den albanischen Jägern erlegt zu bekommen, scheiterten an der Kürze des Aufenthalts, der uns hier oben vergönnt war. Daß wirklich Gemsen hier vorkommen, das wurde mir sicher, als mir beim Abstieg der Bürgermeister des Dorfes Selče ein prächtiges braunes Gemsenfell, eine schöne dicke Winterdecke, zeigte und mir ein paar Krickeln schenkte. Besonders schön und eigenartig war die Aussicht nach Westen; in dieser Richtung waren die Gebirge niedriger, so daß der Blick sich in unendliche Fernen erstrecken konnte. Zahlreiche Gebirgsketten zogen hintereinander von Süden nach Norden, manche von ihnen in klaren, eigenartigen Formen greifbar nahe vor uns liegend. Wir konnten die Senke erkennen, in der das Amselfeld sich ausbreitet und die Berggruppe, welche im Nordwesten auftauchte, mußte schon zu Montenegro gehören.
Abb. 121. Blick vom Gipfel der Kobeliza 2500 m nach Westen. Nach einem Aquarell des Verf.
Entsprechend der nord-südlichen Ausdehnung des von uns bestiegenen Kettengebirges war auch der Blick nach Osten weit und frei. Von rechts und links traten Berghänge, deren Konturen sich gegenseitig überkreuzten, in das Sarskatal, welches man bis zur Ebene vor Kalkandelen verfolgen konnte. Fern vor dem Gebirge der Karaschiza blitzte der Spiegel des Wardar auf. Das waldarme Gebirge ließ seine charakteristische Modellierung, die reiche Verarbeitung seiner Hänge durch die Arbeit der Erosionskräfte mit aller Deutlichkeit erkennen, obwohl es in zarten Farben duftig vor mir lag. Jenseits der Karaschiza sah man wieder eine Bergkette hinter der anderen sich in nord-südlicher Richtung hinziehen.
Voll von den großen Eindrücken traten wir erst am späten Nachmittag den Abstieg zu unserem Lager an. Dabei zerstreuten wir uns wieder alle im Gelände, ohne uns in dieser einsamen Landschaft viel Sorgen wegen unserer Sicherheit zu machen. Unsere Bedeckungsmannschaften waren viel ängstlicher und fürchteten sich sehr vor den Arnauten. Ich begegnete wiederholt solchen, die bis an die Zähne bewaffnet waren. Obwohl man sich nicht mit ihnen verständigen konnte, waren sie nicht unfreundlich und nahmen mit strahlendem Lächeln die gespendeten Zigaretten an.
Während der nächsten Tage verfolgte jeder der wissenschaftlichen Teilnehmer der Expedition seine Sonderzwecke. So wurden die umliegenden Höhen bestiegen, die Bäche und Tümpel, Quellen und Schluchten untersucht und vor allem die Waldgrenze erforscht.
Es war besonders eine schön bewaldete Kuppe, welche als Vorberg weit in das Tal der Sarska hineinragte, welche mancherlei interessante Ausbeute lieferte. Sie war von einem lichten Wald aus stattlichen Buchen und Weißtannen bedeckt. Vor diesem Hain war der felsige Hang von Wachholdersträuchern bedeckt, zwischen denen ein kurzer Rasen wuchs.
Die Höhe mit ihren edlen Tannen, zwischen denen die prachtvollsten Durchblicke auf das Hochgebirge sich eröffneten, hat sich ganz in mein Gedächtnis eingegraben. Ich werde nie die Stunden vergessen, die ich am Rande des schattenden Waldes an ihren Abhängen verbrachte. Im Gedenken an schöne Schwarzwalderinnerungen ist sie in meinem Tagebuch als Weißtannenhöhe verzeichnet. Der Aufstieg zu ihr von unserem Lager führte an einem Teich vorbei, den wir den Unkenteich nannten, da zahlreiche dieser Tiere ihn belebten und die Luft mit ihren Glockentönen erfüllten. Im Teich gab es außerdem viele Wasserkäfer (Gaurodytes bipustulatus L. und Colymbus luseus L.) und eine Unmenge der kleinen Muscheln aus der Gattung Pisidium. Von dem Wasser aus wurde der Anstieg steiler, der Hang bedeckte sich mit liegendem Wachholder (Juniperus nana Wlld.). Zwischen dem zarten Gras blühte ein zierliches Haidekraut. Weiter oben mehrte sich allmählich Buchengebüsch, an welchem eine Anzahl von Spinnen ihre Netze gebaut hatten. Wenn die Tiere und ihre Bauten an Formen der Heimat erinnerten, so war es doch von Interesse festzustellen, welche Arten hier in der Höhe leben und ob sie auch hier ebenso bauen, wie an den Orten, an denen sie schon lange bekannt sind.
An den Buchen fand sich eine Spinne, die zwischen Ästchen und Blättern ein stattliches Segelnetz gebaut hatte, das mit einer zylinderischen Wohnröhre endete, in der die Spinne saß. Die Fäden des Netzes waren nicht kleberig aber auffallend mit Staub bedeckt, obwohl das Netz bewohnt war. An den Buchenbüschen fand sich eine zweite Form, welche ein Wirrnetz baute und ihren Zufluchtsort in einem Nestchen hatte, das aus Knospenschuppen der Buche bestand, welche durch Gespinst zusammengeheftet waren. Zwischen den Stämmen und Zweigen, vor allem der Tannen, waren große Radnetze wieder von anderen Spinnen ausgespannt. Es waren dies Epeira diademata Clerck und E. marmorea Clerck; erstere ist unsere Kreuzspinne, die ich im Flachland nie gefunden hatte und welche, wie so manche anderen mitteleuropäischen Tiere, hier im Lande das Hochgebirge aufgesucht hatte.