Im Buchendickicht fand ich damals zum erstenmal in Mazedonien Ameisenhaufen; es waren höchstens 20 cm hohe Hügel, welche im Durchmesser kaum 15-30 cm erreichten. Obwohl es nicht weit zu den Tannen war, bestanden die Haufen hauptsächlich aus den Nadeln der in der Nähe wachsenden Wachholdersträucher. Dazwischen fand sich Erde, Stengel und Ästchen von mancherlei Pflanzen, so von Heidekraut. Wie alle Haufen, die ich später in Mazedonien fand, waren diese von einer Formica-Art bewohnt und zwar von Formica (Rhaphiformica) sanguinea Latr., einer Art, welche auch bei uns selten Haufen baut. Genauere Angaben finden sich im Ameisenkapitel (S. 159). Hier oben fanden sich im Holz der Tannen die Gänge einer Camponotus-Art (C. herculeanus ligniperda Latr.), also nicht anders als in unseren Wäldern die typische Baumameise.
Um auf den Gipfel der Weißtannenhöhe zu gelangen, mußte ich durch den Tannenwald, der sich hauptsächlich am Westhang gegen das kleine Tälchen hinzog, welches ich am Nachmittag des gleichen Tages besuchte und das an den Felshängen gegen das Sarskatal weit hinabreichte. Es war ein wilder dichter Wald, nur an einzelnen Stellen rein aus Tannen bestehend, sonst vielfach mit Buchen vermischt. Ein tiefer kühler Schatten herrschte unter den hohen Bäumen, durch deren Kronen ein starker Wind rauschte. Die silbergrauen Buchenstämme hoben sich zart und duftig von dem dunklen Grün des dichten Tannenbestandes ab; wenn der Wind die Tannen beugte, so blinkte silberig die Unterseite ihrer Nadeln auf. Am Hang standen zerzauste und windgebrochene Wettertannen und gar mancher der Riesen lag zerschmettert am Boden neben seinem zerborstenen Stumpf, der kläglich aus dem grasigen Boden in die Höhe ragte. Es war eine echte Weißtanne, die hier noch einen ausgedehnten Wald bildete (Abies alba Mill.), welche nicht von der Schwarzwaldtanne zu unterscheiden ist.
KOBELIZA, von der Weißtannenhöhe.
In dem Hang des Waldes, welcher nach Süden abfiel, umrahmten die Tannen ernste, grandiose Gebirgslandschaften. Hier öffnete sich der Blick an vielen Stellen auf die steilen albanischen Berge um die Hasaniza. Tief im Schatten lagen über dem Tal drüben die schroffen Felsen hochansteigender Berge, welche unterhalb auch dichten Wald trugen. Darüber hoben sich klarer als am vorigen Tage die Hochgipfel mit ihren leuchtenden Schneefeldern.
Nordwestlich hoch aufragend bot die Kobeliza von der Weißtannenhöhe ihren reizvollsten Anblick dar. Als mächtige Pyramide mit sanft ansteigendem Nordhang erhob sich der Berg majestätisch aus dem tiefen, dämmernden Talschlund; der Südhang dagegen mit unruhiger Zackenlinie der schroffen Kalkfelsen, an deren Rand ich am Tage vorher gestanden hatte, bildete einen wuchtigen Gegensatz zu den weiten Grashalden, welche die uns zugekehrte Ostseite des Berges bedeckten. Diese war vor allem im Süden und in der Mitte durch Erosionsschluchten und helle Felsen malerisch gegliedert.
Die Fülle blauer und violetter Töne an der breiten Wand der Felsen ließen den Berg wie eine Traumerscheinung weit hinter dem Tal zurücktreten, während das starke Grün der mich umgebenden Bäume mich in der schönen Wirklichkeit festhielt, in der ich verweilen durfte.
Hinter dem Wald überzog eine jetzt noch blumenreiche Wiese den östlichen Teil des Gipfels der Weißtannenhöhe. Verblühte Gräser und ein stark duftendes gelbes Labkraut waren von einem Bestand des liegenden Wachholders (Juniperus nana Willd.) eingefaßt, der sich bis hier heraufzog. An geschützten Stellen standen einige jetzt noch blühende Disteln und Königskerzen.
Hier fand sich auch eine reiche Tierwelt. Unter den Steinen fing ich Skorpione und kleine Tausendfüßler. Um die Blumen flogen Schmetterlinge, zahlreiche Bläulinge, dunkle Erebien, eine Anzahl Hesperiden fielen auf. Reich war die Ausbeute an Fliegen und Bienen. Hier begegnete mir wieder die dunkle Heuschrecke mit dem grellroten Hinterleib und den roten Beinen, welche ich schon auf der Mala Rupa bei ihrem Balzflug beobachtet hatte. Auch hier stieg sie schnarrend in den grellen Sonnenschein auf, um schwebend zu lärmen und langsam zu Boden zu sinken (Stenobothrus miniatus Charp.).
An 2 Tagen hielt ich mich vom frühen Morgen bis mittags auf der Weißtannenhöhe auf, um jedesmal am Nachmittag das Buchental zu durchstreifen, welches an den steilen Felsen der Weißtannenhöhe entlang südwärts sich ersteckte. Zum Teil waren seine Hänge von Buchen bewachsen, welche einen halbtrockenen Bach beschatteten. An diesem Bach standen allerhand blühende Pflanzen, im Wald reiften wohlschmeckende Himbeeren und Erdbeeren. Hier gab es wieder viele Insekten, darunter Schwärme kleiner Mücken, viele Spinnen, wieder unter den Steinen Skorpione.