Während wir die Sternbilder am Himmelszelt aufsuchten, die uns hier in 1600 m Meereshöhe klarer und sternreicher erschienen als unten im Tal, glaubten wir plötzlich nahe dem Horizont in der Richtung über Kalkandelen neue Sterne aufblitzen zu sehen. Nein, das waren Leuchtkugeln und Raketen, welche dort unten in die Luft stiegen und von unserer Höhe aus einen phantastischen Eindruck machten. Farbige Sterne stiegen auf und verschwanden, Scheinwerfer warfen ihre Strahlenkegel auf die Berge der Umgebung oder ließen sie im endlosen Raum umherirren und verblassen. Und dies seltsame Schauspiel vollzog sich ohne Lärm und Krachen, das wir unwillkürlich erwarteten; die tiefe Bergeinsamkeit umgab uns und das Getöse, das die Menschen da unten verursachten, um sich an irgendwas zu freuen, drang nicht in unsere köstliche Stille.
Wir hofften auf einen Sieg, unsere Bulgaren träumten von Frieden, bis jemand sich daran erinnerte, daß der 15. August das Regierungsjubiläum des Königs von Bulgarien sei, und daß dies wohl da unten gefeiert werde.
Früh am nächsten Morgen wurden die Zelte abgebrochen; die Tragtiere wurden gesattelt und bepackt. Der Aufbruch war beschlossen, der Proviant für soviel Menschen und Pferde war erschöpft, schweren Herzens trennten wir uns von den Bergeshöhen und begannen den Ritt in die Tiefe.
Der Saumpfad, den wir aufsuchten, führte bald sehr steil abwärts, zunächst über Matten, dann an schönen Buchengruppen vorbei, schließlich tief in eine Schlucht hinunter. Nun kam es wieder zu allerhand Reitabenteuern. Unsere Pferde hatten sich oben von dem saftigen Gras der Matten dick vollgefressen; beim anstrengenden Abstieg schrumpften ihre Bäuche sichtlich zusammen. Die Sattelgurte saßen nicht mehr stramm und da niemand unserer Begleiter acht gab, wir aber alle genug mit Umschauen und Beobachten zu tun hatten, so kam es dazu, daß einer nach dem anderen von uns mit seinem Sattelzeug beim Abwärtsreiten über den Hals seines Pferdes rutschte und einen Purzelbaum bergab machte. Es waltete aber dennoch ein guter Stern über unserer Kavalkade und keinem von uns widerfuhr mehr Schaden als einige blaue Flecke.
Abb. 122. Dorf Vejče im Schardakh. Dahinter Gipfel der Kobeliza. August 1917.
Jenseits der Schlucht kamen wir auf einen Weg am Berghang, den man als feinen hellen Strich in der Landschaft schon von unserem Lager gesehen hatte und den man uns als den richtigen Weg nach Kalkandelen bezeichnete, auf dem wir die Stadt diesmal auf dem linken Ufer der Sarska erreichen sollten. An der Steillehne des jenseitigen Berges entlang kamen wir nach scharfer Biegung zu dem schön gelegenen Dorf Vejče ([Abb. 122]).
Über das tief eingeschnittene Tal eines brausenden Baches, welcher der Sarska zuströmt, sahen wir das Dorf im Grünen vor uns liegen. Hinter den Häusern stiegen die Berghalden steil hinauf gegen die Abhänge der Kobeliza. Vejče erstreckte sich mit einem Zipfel noch in eine von den Bergen niederziehende Bachschlucht hinein.
Wie reizend war wieder der Eindruck dieses mazedonisch-albanischen Bergdorfes. Die meist viereckigen Häuser sind fast alle gleich groß, nur selten schaut hier und da eine breitere Front, ein höheres Dach heraus. Die Wände zeigen die graue Steinfarbe oder sind weiß getüncht. Viele haben schönes braunes Holzwerk, sehr viele Vorbauten oder Veranden mit Holzsäulen. Die kleinen Fenster sind meist auf die oberen Stockwerke beschränkt, die auch hier über die unteren vorragen. Breite, dunkle Schatten werfen die weitausladenden Dächer auf die weißen Wände. Auch die Schornsteine sind meist weiß getüncht und ragen mit ihrem flachen Dächlein wie kleine Türme über das Haus empor.
Die Dächer sind mit Stroh oder mit großen Steinplatten bedeckt, die weißgrau gefärbt, wie Solenhofer Schiefer aussehen und einen sehr sauberen, stattlichen Eindruck machen. Und alle die Häuser sind von Gärten und Höfen umgeben, sind in Grün gebettet. Üppige Obstbäume beschatten die Häuser. Zwischen den Wohnhäusern stehen kleinere, meist strohgedeckte Hütten, welche als Scheunen und Vorratsräume dienen.