Um das Dorf herum, unterhalb der Häuser am Bach, aber auch über dem Dorf einige hundert Meter den Berg hinauf ziehen sich frischgrüne Wiesen und wohlbestellte Getreidefelder. Erstere sind frisch gemäht, Heu lagert noch zum Teil auf ihnen. Auch das Getreide ist meist eingetan. Nur Hafer steht noch hier und da auf dem Feld. Fast zu jedem Haus gehört ein Hof, eine Tenne, auf der das Pferd oder der Ochs dreschend im Kreise läuft. Überall ist Leben und Bewegung im Dorf.
Wieder steigt mir die Erinnerung an japanische Dörfer auf, wenn ich das feine Silbergrau der Häuser so zart zu dem üppigen Grün der Bäume stimmen sehe, wenn ich die gleichmäßige Besiedelung, die guten Verhältnisse der Bauten und die reiche Pflanzenwelt überblicke. Zwischen den Obstbäumen erheben sich einzelne Pappeln, am Bach Weiden und Espen.
Schöne, schlanke Menschen begegnen uns auf den Feldern und am Rande des Dorfes. Die Bevölkerung ist offenbar mohammedanisch, denn die Frauen sind zumeist verschleiert, drehen sich scheu vor dem fremden Mann um und laufen davon, wenn er naht.
Der Weg führt nun weiter vorbei an dem Dorf, am Hang entlang. Später, weiter abwärts, wird der Boden trockner und felsiger. Die Straße fängt hier und da wieder an zu stauben. Aber noch begleitet uns überall sehr schöner stattlicher Baumwuchs. Edelkastanien treten wieder auf und ein südlicherer Charakter löst damit den Voralpentypus ab. Zahlreiche Obstbäume, zum Teil noch tragend, machen sich bemerkbar, es sind Apfel-, Birn-, Zwetschen- und Nußbäume. Hier beginnen auch wieder Schmetterlinge des Tieflandes zu fliegen, auf den mächtigen Felsblöcken eines Bergsturzes eilen Eidechsen Lacerta viridis und taurica umher.
Eine Zeitlang führt der Weg neben einem brausenden Bach entlang; ein dichter Hain von Bäumen zeigt uns die Nähe einer Ortschaft an. Es ist Selče, ein Dorf, welches steil am Berg gebaut ist und durch dessen steinige Gassen unsere ermüdeten Pferde stolpernd steigen.
Ich werde gebeten, den Bürgermeister zu besuchen und werde von diesem, einem dicken Mann mit einem schlanken Gehilfen, feierlich empfangen und freundlich mit Kaffee bewirtet. Der noch recht gute türkische Kaffee erfrischte ausgezeichnet nach dem ermüdenden Ritt und Marsch. Hier war es, wo der Bürgermeister auf dem schön gegerbten Winterfell einer Gemse saß und mir die Gamskrickeln schenkte.
Das Volk, das sich unterdessen vor seiner Türe drängte, war nicht aus Neugier hier zusammengekommen um uns zu sehen, sondern es hatte dem bulgarischen Beamten Steuern zu bezahlen. Das vollzog sich prompt und rasch und man bekam das Gefühl, daß eine harte Hand auf dem Lande lag.
Von Selče war es kaum mehr als eine Stunde hinunter nach Kalkandelen. Bald lag die Stadt vor uns mit ihrem Meer von dunklen Dächern, fast so sehr von Bäumen durchgrünt, wie die Gebirgsdörfer. Drunten brauste die Sarska, die mich bald, nachdem abgesattelt und Quartier bezogen war, durch ein kühles Bad erfrischte.
Nach tiefem Schlaf im alten Quartier, Dankerstattung bei den bulgarischen Behörden und Gastfreunden nahmen wir Abschied vom freundlichen Tetowo und seinen schönen Mädchen und Frauen. Gegen Abend des nächsten Tages lud uns die Kleinbahn wieder in Üsküb ab.