DIE BEVÖLKERUNG MAZEDONIENS
Wenn man auf der Balkanhalbinsel reist, bekommt man den Eindruck von einer geradezu ungeheuerlichen Durcheinanderwürfelung ganz verschiedenartiger Volkssplitter. Stämme und Rassen, die sich erheblich voneinander unterscheiden, sind in kleinen Gruppen in einer Weise durcheinander geschoben, wie man es wohl selten auf der Erde auf so engem Raum wieder findet.
Einen starken Eindruck von diesem Völkergemisch bekommt man, wenn man durch die Straßen Üskübs, dieser zentralen und größten Stadt Mazedoniens wandert, oder wenn man gar den Dienstagmarkt besucht, auf welchem die Bevölkerung der weiteren Umgebung Üskübs sich mit den Bewohnern aller Quartiere der Stadt vermischt.
Da sieht man ein buntes Gewimmel von Männern und Frauen in bunten Trachten, die sich malerisch von all den nicht minder bunten Waren abheben, welche dort feilgeboten werden. Vor allem sind es slawische Bauern und Bauersfrauen, die mit Landesprodukten aus den Dörfern der Umgegend in die Stadt hereingeströmt sind. Der erfahrene Kenner weiß nach den Gewändern, vor allem denen der Frauen, uns zu sagen, aus welchen Dörfern die Leute kommen. Diejenigen mit den vorwiegend schwarzweißen Kleidern stammen aus dem nördlich gelegenen Karadakh, die mit viel Rot in Röcken und Kitteln kommen von den südlich gelegenen Gehöften und Ortschaften zu beiden Seiten des Treskatales und vom Wodno. Und so gibt es unendlich viel Varianten in diesen von Farben leuchtenden Trachten.
Alle, welche die bunten Bauernkleider tragen, sprechen eine slavische Sprache, die dem Bulgarischen am meisten ähnelt; soweit sie schreiben können, schreiben sie bulgarische Schrift und somit ist man geneigt, den bulgarischen Freunden zu glauben, welche sie als echte Bulgaren ansprechen, die nur einen Dialekt ihrer Sprache verwenden. Ist man in den Dörfern etwas weiter nördlich von Üsküb, so wird die Verständigung mit den wenigen Brocken der bulgarischen Sprache, über welche Deutsche meist nur verfügen, immer schwieriger. Und es wird immer wahrscheinlicher, auf Serben zu stoßen. In Üsküb wohnen auch zahlreiche Serben, was ja in einem Serbien so nahen Verkehrszentrum nicht verwunderlich ist.
Einerlei, welchem der beiden feindlichen Brudervölker sie sich zurechnen, man sieht unter ihnen wenig schöne, reizvolle Erscheinungen. Weder Frauen noch Männer haben schöne Gestalten oder Gesichter, wenn auch jugendliche Vertreter beider Geschlechter eines gewissen Reizes nicht entbehren. Noch dazu verdirbt die Tracht die Gestalt ganz außerordentlich. Die Taille wird niemals hervorgehoben, Jäckchen wie Rock, und besonders die bunten Schürzen, welche wie Bretter steif herabhängen, alles trägt dazu bei, die Erscheinung der Frau zu vergröbern und in die Breite zu ziehen.
Schlankheit und Beweglichkeit der Frau scheint nicht dem Schönheitsideal dieser slavischen Bauern zu entsprechen. Schönere Gestalten, schlank und gut gewachsen, findet man nicht selten unter den jungen Männern, die auch flott und rasch dahin zu marschieren vermögen, während die Frauen mit ihren kurzen Beinen einen plumpen, watschelnden Gang haben. Damit ist nicht gesagt, daß sie beim Gehen nicht rasch vorwärts kämen. Es ist ganz erstaunlich, zu welchen Marschleistungen die Frauen mazedonischer Bauern vielfach fähig sind.
Abb. 123. Mazedonische Frauen auf dem Markt in Üsküb.
Ein eigenartiges Bild bieten die Gruppen von mazedonischen Bauern, welche gemeinsam zum Markt in die Stadt kommen. Für die Kulturstufe, auf der sie stehen, ist es charakteristisch, daß auf dem mitgeführten Maultier oder Lastpferdchen, auch wenn es mit Lasten schwer bepackt ist, stets nur den Mann sitzt, während Frau und Kinder nebenher laufen.