So wurde es von Sang zu Sang, von Tanz zu Tanz immer toller und wilder, die Bewegungen immer schneller, die Schreie immer greller, wobei der Scheik immer vormachte, immer aneiferte. Die Körper der Männer wurden naß vor Schweiß, in Strömen tropfte er auf den staubigen Boden. Die Bewegungen wurden immer verrenkter, die Stimmen heulten und ächzten. Schließlich warfen sich einzelne auf den Boden; der Scheik richtete sie sofort wieder auf und wußte sie sofort in den Gesamtrhythmus der Bewegungen und der Töne einzureihen.
Schließlich standen manche ganz starr und regungslos da, sie waren offenbar in einem hypnotischen Zustand. Da ließ sich nun der Scheik lange spitze Nadeln reichen und stach sie den einzelnen durch die Backen, durch die Ohren, durch Oberarm und Wade, ohne daß die Leute nur zuckten und einen Laut von sich gaben. Immer wieder fing das Geheul und Gewackel an, und immer mehr der Leute ließen sich zu den Nadelexperimenten herbei.
Welch seltsame Form der Gottesverehrung mußte ich da mit ansehen! Wie merkwürdig war die Hingabe der Männer an die Sache, wie folgten sie dem Blick und Wort ihres Scheiks. Seltsam, die ganze Situation stand wieder vor mir auf, als ich im Winter nach der Revolution in Breslau in einem großen Saal die Vorführungen eines Hypnotiseurs und Gedankenlesers sah, der dort das Publikum der Großstadt ebenso in seiner Gewalt hatte, wie hier der Scheik seine armen Üsküber Vorstädter. Hier wie dort waren es meist blasse, verhungerte Gestalten, besondere Menschentypen, welche sich der Macht des Hypnotiseurs beugten. Allerdings in Mazedonien waren es nur Männer, die teilnehmen durften, in Deutschland waren es ebensoviele Frauen als Männer, die man so ganz den eigenen Willen verlieren sah.
Der Unterschied war groß genug zwischen den beiden Situationen. Wie seltsam berührten mich doch jene religiösen Ekstasen der einfachen Leute in dem halb dunkelen Raum, der schließlich von einer heißen, stinkenden Luft erfüllt war, gemischt aus dem Rauch der Lampen, dem Schweißgeruch und dem versagenden Atem der tollen Menge.
Draußen winkte die Kühle der Nacht; an die vergitterten Fenster des Hauses drängten sich kleine Kinder und alte Weiber, die etwas von dem seltsamen Schauspiel erhaschen wollten. Halbnackte Zigeunerinnen blickten mit lüsternen Blicken herein.
Es ging schon gegen Morgen, als mein Begleiter und ich den Raum verließen, leise erschauernd im kühlen Wind. Wir atmeten auf, als die Stille der nächtlichen Gassen uns umfing und waren in Gedanken versunken, während wir über den Hügel in unser Quartier zurückkehrten. Nach all dem Getümmel und Lärm ruhten unsere Sinne aus und die Augen erholten sich, als sie im Schein des untergehenden Halbmondes noch über die Dächer der Stadt, die Kuppeln der Moscheen, die Minarets blickten, zwischen denen der Spiegel des Wardar aufblinkte, der leise in der Tiefe rauschte. Welch phantastischen Eindruck hatten wir mitgenommen von den Wurzeln, welche der Mohammedanismus im Boden dieses unglücklichen Landes gefaßt hat.
SIEBZEHNTES KAPITEL
DIE BULGAREN IN MAZEDONIEN
Die Bulgaren sind nun einmal durch Schicksal mit uns verbunden. Das gleiche Unglück wie uns hat sie betroffen. Sie fühlen sich als Schicksalsgenossen und nicht wenige unter ihnen sehen immer noch mit Bewunderung auf uns und hängen an uns. So haben wir die Pflicht, sie nicht zu vergessen, uns mit ihnen zu beschäftigen, sie nicht im Stich zu lassen. Es ist eines der wenigen Völker, das noch etwas von uns hält und zu uns hält. So sollten wir uns bemühen, sie nach Möglichkeit zu verstehen und ihrem Wesen näher zu kommen.
Vor dem Krieg glaubten wir fast alle fremden Völker zu verstehen und sie zu durchschauen. Wie oberflächlich war in Wirklichkeit die Kenntnis fremder Völker und das Verständnis für ihre Besonderheiten in weiten Kreisen unseres Volkes. Um so mehr bleibt uns jetzt nach dem Kriege in dieser Beziehung zu tun übrig. Wer Gelegenheit hatte, in Kreise und Individuen aus einem Volk, wie die Bulgaren, etwas tiefere Einblicke zu tun, der ist verpflichtet, seine Erfahrungen der Allgemeinheit zugänglich zu machen, um uns für die Zukunft vor so verderblichen Vorurteilen zu bewahren, wie sie während des Weltkrieges zu unserem Schaden viele Deutsche beherrschten.