Mit wie wenig Takt und Verständnis traten unsere Landsleute in den meisten Fällen unseren Bundesgenossen gegenüber. Wie oft war ich peinlich berührt von der unberechtigten Überhebung, mit der unsere Soldaten auf die armen, dummen Bulgaren herabsahen, von der Art, mit der unsere Offiziere von ihren bulgarischen Kameraden sprachen. Gewiß gab es manche Ausnahmen. Es gab Verständnis, es gab rechte Kameradschaft, und wo die Verhältnisse Männer beider Völker für Monate oder gar Jahre zusammenketteten, kam es auch zu guter, treuer Freundschaft.

Eine große Schwierigkeit bot für die Verständigung die Sprache. Der Eifer zum Erlernen des Deutschen war bei den Bulgaren bedeutend größer als der Deutschen Streben zum Bulgarischen. Erschwerend war die fremde Schrift und der Zweifel, ob man mit dieser Sprache später werde viel anfangen können; dazu kam der Mangel an fesselnder Literatur. Auch Grammatiken und Wörterbücher fehlten anfangs und wurden erst allmählich in genügender Menge beschafft. Es war unter den Deutschen die Kenntnis des Bulgarischen vor dem Kriege eine sehr große Seltenheit. Diese Kluft wäre aber zu überbrücken gewesen, wobei der rührende Eifer vieler Bulgaren zum Deutschlernen sehr hätte helfen können. All das hätte im Interesse besserer Beziehungen zwischen beiden Völkern ganz anders ausgenutzt werden können als es geschah.

Sah man sich in einer Gesellschaft bulgarischer Offiziere oder Ärzte um, ging man aufmerksamen Auges an einer marschierenden Truppe vorbei oder bummelte man durch die Straßen einer bulgarischen Stadt, Sofia, Tirnowo oder Rustschuk, so fiel einem stets die Vielheit der Typen auf. Die Menschen sahen ganz außerordentlich verschieden aus. Man erkennt sie nicht ohne weiteres als Bulgaren, wie man etwa Italiener oder Engländer als solche erkennt. In einer größeren Menge herrschte stets ein dunkler Typus vor mit dunkelbraunem Haar, braunen Augen, dunkler Haut. Das war in Bulgarien selbst fast stets der Fall; so sah ich in Tirnowo kaum einen hellhaarigen Menschen. Auch in der Armee wog der brünette Typus vollkommen vor. Es waren fast stets mittelgroße Gestalten mit Kurzköpfen, die oft einem Mitteltypus sich näherten, und länglichen Gesichtern. Sehr viel schöne Erscheinungen sind mir unter den bulgarischen Männern nicht begegnet. Noch weniger allerdings unter den bulgarischen Frauen. Allerdings muß ich gestehen, daß ich in der Kriegszeit gegenüber den vielen Männern nur eine verschwindende Zahl von Frauen zu Gesicht bekam. In Mazedonien waren ja fast nur Männer aus Altbulgarien; von den mazedonischen Bulgarinnen ist an anderer Stelle die Rede.

Zwischen den brünetten Bulgaren fanden sich aber immer wieder Mischtypen, also blaue Augen kombiniert mit dunkelm Haar, blonde Haare mit braunen Augen. Es gab alle möglichen Kombinationen. Selten waren Langköpfe mit blonden Haaren und blauen Augen in Bulgarien selbst, etwas häufiger in der Armee. Auffallend häufig waren sie im westlichen Mazedonien, so z. B. in Prilep und am Ochridasee. In den Straßen von Prilep tummelten sich spielende Kinder, die man hätte mit deutschen Kindern verwechseln können, mit ihren noch dazu sonnengebleichten, flachsfarbenen Haaren und leuchtend blauen Augen. Auf die Dauer war eine solche Verwechslung allerdings nicht möglich; denn so verlumpte, verschmutzte, verwahrloste Kinder gab es in Deutschland nirgends.

Die gleiche Vermischung von Typen, welche auf alle möglichen Rassen hinweisen, zeigen wie die Bulgaren fast alle Balkanvölker. Das ist die Folge der bewegten Vergangenheit des Balkans, in welchem Völkerwanderungen, Volksverschiebungen, Herrschaftsausdehnungen sich seit zwei Jahrtausenden unablässig folgten. Soviel eingewandert und ausgewandert, verschoben und ausgerottet wurde wohl in keinem Teil Europas in historischer Zeit.

Abb. 139. Sonntag am Brunnen im Dorf Pubjance Juli 1918.

In die von Thrakern, Mazedoniern und Griechen bewohnten Teile des Balkan brachen nacheinander Germanen, vor allem West- und Ostgothen, dann Hunnen, Avaren, schließlich ural-altaische Völker und Slaven ein. Das begann schon, als das Gebiet durch die römische Herrschaft noch kaum oberflächlich latinisiert war. Immerhin waren auch durch die Kolonisation der Römer, vor allem durch Ansiedelung von Legionären manche fremde Elemente und mit ihnen lateinische Sprache eingeführt worden. Diese hatte nach der Abtrennung von Ostrom und der Begründung des byzantinischen Reiches immer mehr mit der sich ausbreitenden griechischen Sprache, die von der griechischen Kirche getragen wurde, zu kämpfen.

Es war schon ein rechtes Völkergemisch, welches die Bulgaren antrafen, als sie im siebenten Jahrhundert über die Donau auf dem Balkan einwanderten. Den Namen der Bulgaren brachte ein uralaltaisches Volk mit, welches in nicht allzugroßer Volkszahl über die Donau einbrach, wohl aus Südrußland kommend und südlich der Donau die dort ansässigen slavischen Stämme unterwerfend. Hier fanden sie schon in deren Gebiet keine einheitliche Bevölkerung vor. Aber es saß im Lande eine Bevölkerung mit nicht ganz geringer Kultur und slavischer Sprache. Die kriegerischen, organisatorisch immerhin mehr als jene begabten Bulgaren gaben in dem fruchtbaren Lande ihr Nomadenleben auf, wurden ansässig, vermischten sich mit der eingeborenen Bevölkerung und nahmen mit den Sitten auch ihre Sprache an, die durch die Jahrhunderte zur jetzigen bulgarischen Sprache wurde und dieser Entstehung ihre altslavischen Elemente verdankt. Sie wurde die Staats- und Kirchensprache eines entstehenden Staates, dessen Bevölkerung sich in der Hauptsache aus vorher romanisierten Thrakern, Slaven und den tatarischen Bulgaren zusammensetzte. Dazu kommen noch all die Elemente, welche aus Ureinwohnern und römischen Legionären herzuleiten waren.

Noch sieht man heute unter den Bulgaren nicht selten eine kleine, eckige, schlitzäugige Tatarengestalt und ganz selten glaubt man in einem auffallend edlen Profil einen Tropfen Römer- oder Asiatenblut ahnen zu dürfen. Die Hauptmenge der modernen Bulgaren zeigt slavischen Typus, wobei vielleicht der reinste in Westmazedonien, in der Gegend zwischen Prilep und dem Ochridasee, in den blonden Langköpfen uns entgegentritt.