In dem Reich der Bulgaren erstand bald ein gefährlicher Feind für Byzanz. Es zeigte sich in dem neuentstehenden Volke ein gewisser Sinn für Organisation und die kriegerische Tüchtigkeit war wohl von den Steppenvölkern auf die Mischrasse übergegangen. Nun kamen die Jahrhunderte bald erfolgreicher, bald mit mehr oder weniger vollkommenem Zusammenbruch endenden Kriege der Bulgaren mit Byzanz. Noch in diesen Zeiten floß neues Blut dem Volk der Bulgaren zu. Bei den vielen Grenzverschiebungen strömte byzantinische Bevölkerung verschiedener Herkunft immer wieder in das Gebiet der Bulgaren ein. Zum Teil wurden sie von Byzanz zwangsweise unter den Bulgaren und an deren Grenzen angesiedelt. Dieser Zuwachs war zum Teil asiatischer Herkunft.

Und dann kam die große Tragik bulgarischer Geschichte, die sich bis in die Gegenwart fortsetzt. Nie gelingt es diesem Volke, seine großen politischen und völkischen Ziele zu erreichen. Wie oft standen die Bulgaren vor Byzanz, nie gelang es ihnen, diese Stadt einzunehmen und damit den erstrebten Einheitsstaat auf dem Balkan zu begründen. Immer wieder brachen sie im letzten Moment zusammen, verloren den Mut und zogen sich freiwillig oder gezwungen zurück. Muß man nicht unwillkürlich an ihren letzten Versuch im ersten Balkankrieg denken, als sie 1911 an der Tschataldschalinie verbluteten, der Cholera erlagen und alle Erfolge ihrer Siege wieder einbüßen mußten!

Im Mittelalter war es wie heute die Eifersucht zwischen slavischen Brudervölkern, welche die Begründung eines einheitlichen Slavenreiches auf dem Balkan immer wieder verhinderte und die Übermacht erst der Byzantiner, später der Türken sicherte. Sieben Jahrhunderte lang kämpften die Bulgaren vergeblich um die Vormacht auf dem Balkan, ehe sie in die fürchterlichste Knechtschaft versanken, welche die Türken ihnen bereiteten. Schon im achten Jahrhundert begann die Feindschaft der Bulgaren mit den Serben, die ja heute unversöhnlicher ist als jemals. Die vielen Kriege der beiden slavischen Völker miteinander mit immer sich folgenden Grenzverschiebungen, brachten immer wieder Bulgaren und Serben bald als Beherrschte, bald als Herrscher in Beziehungen zueinander. Das gab wieder Veranlassung zu mehr oder minder lokalen Abwanderungen und steigerte den Durcheinander der Siedelungen auf dem Balkan.

Bis in diese Zeiten gehen die Verschiebungen der Grenzen der Sprachgebiete zwischen serbisch und bulgarisch auf dem Balkan, speziell in Mazedonien. Sie machen es so schwer zu sagen, ob im Norden an der Donaugrenze es ein serbisch gefärbter bulgarischer Dialekt ist, der in einem Dorf, etwa bei Pirot, gesprochen wird oder ein bulgarisch gefärbter serbischer. Ähnlich ist in Nordmazedonien die Grenze unklar und verwischt.

Neues Blut wurde schließlich durch die Türkenherrschaft in das bulgarische Volk gebracht. Die Vermischung mit Türken selbst braucht man nicht zu überschätzen, obwohl sie in manchen Gegenden nicht allzu gering gewesen sein wird. Als nach der Schlacht auf dem Amselfeld auch das serbische Reich vernichtet, der ganze Balkan osmanisch war, bekamen die Türken ein verwüstetes und entvölkertes Land in die Hand. Vor allem unendlich viele Bulgaren hatten das Leben verloren, ihre Dörfer und Städte waren zerstört. Und die Aufstände gegen die Türkenherrschaft kosteten immer mehr Leben, brachten immer weitere Zerstörungen. Viele Bulgaren wanderten aus, andere — besonders Aufrührer — wurden gewaltsam nach Kleinasien oder sonstwohin umgesiedelt.

Eisern lag die Hand der Türken auf dem Land. Große Mengen von Türken wurden in den verödeten Ländern angesiedelt, besonders in Thrakien. Viele Bulgaren traten zum Mohammedanismus über, um bessere Zustände zu erreichen. Wenn sie auch ihre Sprache behielten, mit türkischen Sitten und türkischer Kleidung steigerte sich natürlich bei diesen „Pomaken‟, wie sie jetzt noch in Mazedonien, Thrakien und Bulgarien heißen, die Möglichkeit der Vermischung mit Türken und all den von diesen auf dem Balkan angesiedelten Asiaten.

Viele Bulgaren zogen sich in die unwegsamen Gebirge ihres Landes zurück; in diesen ärmlichen Gebieten wuchs zwar ein rauhes, kräftiges Volk heran, aber es mußte notwendig verbauern; es verlor ein gut Teil seiner eigenen Kultur, welche mühsam im Zusammenhang mit der Kirche, von einzelnen Klöstern gepflegt, sich in Spuren erhielt.

Schwer lastete das Joch der Türken nun fast 500 Jahre, von 1400 bis fast 1900, auf den Bulgaren. Man muß verstehen, was das für ein Volk bedeutet, das große Reiche gegründet, welches mit Byzanz um die Vorherrschaft gerungen, eine eigene nicht unerhebliche Kultur entwickelt hatte. Will man die heutigen Bulgaren richtig beurteilen, so muß man wissen, was dies Volk in diesen Jahrhunderten gelitten hat, wie ihm das Rückgrat systematisch gebrochen wurde.

Was bedeutet es andererseits, wenn ein Volk von dem durch Gewalt erzwungenen Tiefstand in wenig Jahrzehnten auf die Stufe sich aufschwang, auf der wir es während des Kriegs antrafen, als wir es zum ersten Male richtig kennen lernten. Durch das, was ich in Mazedonien sah und erfuhr, habe ich einiges von den seelischen Leiden verstehen gelernt, die während Jahrhunderten auf diesem unglücklichen Volk lasteten und ihm an Mark und Nerven zehrten.

Während es unter den gebildeten Bulgaren viele feine, sehr kultivierte Menschen gibt, ist der Eindruck, den die Mehrzahl der Bulgaren in Mazedonien auf Deutsche und Österreicher machte, der eines herben, groben Volks. Und zwar machten nicht nur die Mannschaften, sondern auch vielfach die Offiziere diesen Eindruck. Auch in den Kreisen der Ärzte, mit denen ich viel verkehrte, fand man große Gegensätze. Während die einen sehr gute Manieren zeigten und sich in keiner Weise von kultivierten Mitteleuropäern unterschieden, hatten manche Männer bei guter wissenschaftlicher Ausbildung außerordentlich schlechte, nachlässige Gewohnheiten. Man war vielleicht geneigt, etwas zu sehr auf diese Äußerlichkeiten zu achten, weil man auch bei unseren Offizieren und Ärzten gegen die hier seltenen Fälle schlechten Benehmens im fremden Lande sehr empfindlich war. Aber bei den Bulgaren war die gröbere Art doch sehr auffällig und die Erfahrungen vieler Deutschen in dieser Beziehung sicher nicht zufällig.