Nun spielte dabei sicher der lange Krieg eine nicht geringe Rolle; auch bei uns rekrutierte sich das Heer und speziell das Offizierkorps im Krieg mit einer weniger sorgfältigen Auslese, als es im Frieden möglich gewesen war. Viele junge Männer entbehrten der Erziehung, die ihnen früher zuteil geworden wäre. Bei den Bulgaren war es von Einfluß, daß nach den schweren Verlusten der beiden Balkankriege ein großer Teil des Offiziersersatzes notgedrungen aus dem Unteroffiziersstand genommen werden mußte. Daß dabei nur die militärische Brauchbarkeit und nicht die Bildung die Auswahl bedingte, war leicht zu verstehen.
Vor allem ist aber die grobe Art der Bulgaren dadurch zu erklären, daß sie in der Hauptsache ein Bauernvolk sind. Auch bei uns sind Männer aus Gebieten mit Bauernbevölkerung in ihren Gewohnheiten sehr wohl von den Städtern zu unterscheiden und bei aller Liebe, welche die Oberbayern in ganz Deutschland genießen, spricht man doch von den groben Bayern.
In Bulgarien betrug 1910 die ländliche Bevölkerung mehr als 80% des Gesamtvolks, während in Städten nicht ganz 20% lebten. Das erklärt sich zum Teil aus der geschichtlichen Entwicklung, welche vor allem in der Türkenzeit das Wachstum der Städte hinderte und die bulgarische Bevölkerung aufs Land und in die Berge trieb. Bis kurz vor dem Krieg war in Bulgarien eine starke Volksbewegung im Gang. Nach dem Sturz der Türkenherrschaft strömte die Bevölkerung des Gebirges in die verödeten Städte und Dörfer der Täler und Ebenen.
Eine eigene, städtische, höhere Kultur, in der türkischen Zeit kaum möglich, konnte sich erst in den letzten Jahrzehnten entwickeln; Tradition gibt es noch kaum und Nachahmung des Ausländischen herrscht noch durchaus vor. Dazu kam vor allem der starke russische Einfluß. Die Befreiung vom Türkenjoch durch die Russen führte viele Bulgaren in das russische Heer, auf russische Schulen, an russische Universitäten. Gerade in Rußland erzogene Offiziere betonten vielfach eine Abneigung gegen westliche Manieren und trugen rauhe Sitten ostentativ zur Schau.
Abb. 140. Tanz im Dorf Kopanči, südlich vom Wodno. Juni 1918.
Mit der gröberen Art des Bauernvolks sind aber bei der Masse der Bulgaren auch viele der Vorzüge der ländlichen Bevölkerung verbunden. Ganz außerordentlich war die körperliche Leistungsfähigkeit und Anspruchslosigkeit der bulgarischen Soldaten. An der mazedonischen Front führten sie vielfach ein wahres Hungerdasein; und mit welchen Unterkünften sie sich zufrieden gaben, war unseren deutschen Soldaten unverständlich. Der Mangel an Sauberkeit und die Vernachlässigung der Kleidung war offenbar eine Folge des langen Kriegs. Auch bei unseren Soldaten trat in Mazedonien mit der Zeit eine starke Nachlässigkeit auf. Allerdings so verlumpt, zerrissen und verschmutzt wie manche bulgarischen Regimenter war nie eine deutsche Truppe.
Die Bauernbevölkerung bulgarischen Stammes in Mazedonien und was ich von ihr im Zartum Bulgarien sah, war im allgemeinen sehr sauber und in der Kleidung sehr sorgfältig und adrett. An Ehrlichkeit und anständiger Gesinnung geben die bulgarischen Bauern den unserigen nichts nach. Wie bei uns ist ja in dieser Beziehung während des Kriegs auch dort vieles zugrunde gegangen. Was aber die Moral in den Beziehungen der Geschlechter anlangt, so glichen die Sitten der bulgarischen Bauern denen unserer besten, saubersten Landbevölkerung.
So gewann ich denn den Eindruck eines ausgezeichneten, physisch und moralisch gesunden Kerns der bulgarischen Bevölkerung.
Geradezu rührend ist die Lernbegier der Bulgaren. Wo sie konnten, suchten Soldaten und Offiziere von uns Deutschen zu lernen. Nicht nur die Sprache, sondern in jedem Gebiet; Handwerker wie Ärzte, Beamte und Offiziere wie Studenten sahen zu unserer höheren Kultur auf, und suchten vom Zusammenleben mit den Deutschen zu profitieren, so viel sie nur konnten. Ein Fall, den ich beobachten konnte, ist geradezu typisch; ich könnte ihm viele ähnliche anschließen. In einer Gebirgsstellung lagen deutsche Spezialtruppen oben am Berg, während die unteren Stellungen von Bulgaren besetzt waren. Ein Unteroffizier hatte fast täglich die bulgarischen Stellungen zu passieren, um unten Befehle zu holen. Eine Gruppe junger bulgarischer Offiziere hielt ihn jedesmal mindestens eine Stunde auf, bewirtete ihn freundlich, um eine Konversationsstunde mit ihm abzuhalten und ihre Fehler im Deutschen sich von ihm korrigieren zu lassen.