In Bulgarien waren ja sehr gute Volksschulen überall in starker Vermehrung, überall wurde die Gründung von Mittelschulen angestrebt und während des Kriegs wurde eifrig am Ausbau der Universität in Sofia gearbeitet, welche bis dahin erst drei Fakultäten besaß, und der eine medizinische Fakultät noch fehlte. Ich sah mir gern und oft bulgarische Schulen an und hatte einen ganz guten Eindruck von Zucht, Disziplin und Lerneifer der Schüler und Schülerinnen. Auch im besetzten Mazedonien waren sofort bulgarische Schulen eröffnet worden. Es war dies ja seit Jahrzehnten schon das wichtigste nationale Propagandamittel der konkurrierenden Völker auf dem Balkan geworden.
Bei allen vorzüglichen Eigenschaften, welche ich bei dem bulgarischen Volk zu beobachten glaubte, zwei wichtige Fähigkeiten vermißte ich, wo ich sie bei der Arbeit beobachten konnte. Das war einmal das Talent zur Organisation und vor allem die Fähigkeit zum Durchhalten. Sicher ist die Klarheit aller Einsichten durch die besonderen Verhältnisse während der Kriegszeit getrübt gewesen. Aber gerade in dieser Zeit, in welcher Anspannung höchster Leistungsfähigkeit nationale Forderung war, hätten diese Fähigkeiten sich im rechten Lichte zeigen sollen.
Es war mir sehr auffallend, wie schwer selbst die Begabtesten der bulgarischen Ärzte, in deren Tätigkeit ich einen tieferen Einblick gewann, ihre Autorität in einem größeren Betrieb still und unauffällig durchsetzen konnten. Wie oft konnte ich sehen, daß ein Vorgesetzter sich selbst mit viel unnötiger Arbeit belastete und absolut nicht fertig brachte, seine bulgarischen Untergebenen zu planmäßiger Arbeit zu bringen, während alles aufs beste klappte, wenn ein deutscher Gehilfe ihnen zur Seite stand, oder etwa ein französischer Kriegsgefangener zur Verfügung stand, der an geordnete Arbeit gewöhnt war.
Daß Gebäude, Straßen, Eisenbahnen so ganz vernachlässigt wurden, daß alles verkam, ist ja wohl mit eine Erscheinung gewesen, welche durch die Jahrzehnte der Unruhe auf dem Balkan verursacht war. Es mag auch sein, daß die Jahrhunderte der Türkenherrschaft den Bulgaren abgewöhnt hatten, eigenen Besitz, der doch stets unsicher war, sorgfältig zu pflegen. Das gilt vor allem für Mazedonien. Da habe ich kaum ein bulgarisches Haus gesehen, wo nicht etwas baufällig war, Scheiben fehlten, der Mörtel an vielen Stellen abgefallen war, die Stühle und Tische zerbrochene Beine hatten. Die Vorhänge waren oft zerrissen, die Fenster hielten nicht dicht, Schubladen wackelten hin und her oder waren nicht zu bewegen, Schränke, Haus- und Zimmertüren schlossen nicht und die meisten Schlüssel fehlten. Sicher war das alles im Zartum Bulgarien, welches doch seit 1878 geordnetere Zustände gehabt hatte, viel besser. Aber auch dort sah man überall Spuren von Vernachlässigung und wenn auch nicht so viel wie in Mazedonien, allerorts Ruinen.
Die Eisenbahnen sahen ja auch bei uns am Ende des Krieges nicht zum besten aus. Aber in Bulgarien und wo Bulgaren auf der Eisenbahn fuhren, da waren die Abteile bös zugerichtet. Fenster gab es überhaupt nicht mehr. Der bulgarische Soldat ist in seinen Bewegungen sehr plump; beim Ein- und Aussteigen wurden mit Gewehren und Tornistern, mit Lasten und Kisten regelmäßig Scheiben zertrümmert. Und alles, was nicht niet- und nagelfest war, verschwand allmählich in den Abteilen. Griffe und Haken, Zugbänder und Netze, Vorhänge und Lampen waren verschwunden und alle Wagen in der übelsten Weise verschmutzt. Vor allem die Aborte waren in einem schweinigen Zustand.
Abb. 141. Mazedonische Stadthäuser.
Das ist der Bulgare nicht etwa so gewöhnt. In den bulgarischen Häusern besteht der Abort in der Regel aus einem dunklen gepflasterten Raum mit einem runden Loch im Boden. Diese primitiven Orte, wie sie ja in ganz Südeuropa üblich sind, werden im bulgarischen Bürgerhaus meist sehr sauber gehalten. Aber der bulgarische Bauer ist sehr gleichgültig gegen seine Umgebung; er liegt am Boden zwischen allem möglichen Unrat und so stört ihn ein verschmutztes, voll Papier, Asche und Nahrungsabfällen liegendes Eisenbahnabteil in seinem Behagen nicht sehr.
Den größten Kontrast, den man sich vorstellen kann, stellt eine bulgarische Volksmenge auf einem Bahnhof mit einer japanischen dar. In Japan war ich auch zur Kriegszeit 1904 und 1905. Da gab es auch manch eiliges Verladen von Soldaten und Verkehrsnot fürs Publikum. Wie ist aber der Japaner durch jahrhundertlange Erziehung diszipliniert; fast instinktiv ordnet er sich hinter der Sperre in Reih und Glied, geht langsam und gleichmäßig hindurch und sammelt sich in kleinen Gruppen vor den Wagen, in welche ohne Hast, Gedränge und schweigend eingestiegen wird.
Dagegen die brüllende Masse von Bulgaren, die sich boxend und tretend durch die Sperre auf den einfahrenden Zug stürzen, an ihm emporklettern, mit den Gewehren in der Luft fuchteln, einander umstoßen, in Massen in ein Abteil eindringen, wobei Scherben, Eßgeschirre, Flaschen herumfliegen! Leider ist es heutzutage in dem früher so geordneten Deutschland auch nicht viel anders.