Selten sah ich in einem solchen Getümmel einen bulgarischen Offizier den Versuch machen, Ordnung zu schaffen. Oft hat man bei den Bulgaren den Eindruck, als seien sie stark von dem türkischen Fatalismus beeinflußt.
Und ähnlich wirkte oft auf mich ihre Entschlußunfähigkeit, etwas mit letztem, starken Willensaufwand zum guten Ende durchzuführen. Lag es daran, daß sie niemals Byzanz eroberten? Sind sie so sehr vom Schicksal gedrückt worden, daß sie immer im letzten Moment verzweifeln, daß das Glück ihnen auch einmal zuteil werden könnte? Im Leben des einzelnen sah ich oft die Unfähigkeit, widerwärtige Verhältnisse in seiner Umgebung durch Willensaufschwung zu überwinden, daran schuld werden, daß großes Talent, edle Fähigkeiten sich nicht durchrangen. Auch sonst scheinen mir die Südslaven manche nationale Fehler mit uns Deutschen zu teilen. Ihre Zersplitterung in einzelne Stämme mit zäh festgehaltenen Stammeseigentümlichkeiten haben sie auch in den 1500 Jahren ihrer Geschichte verhindert, sich jemals zu einer großen Einheit zu vereinigen. Sind nicht sie und wir Völkergruppen, die wohl geeignet wären einander ein abschreckendes Beispiel zu geben und voneinander zu lernen? Sind wir nicht Schicksalsverwandte, die Sympathie für einander haben sollten und den Versuch unternehmen müßten, sich gegenseitig zu verstehen und zu helfen?
War man in einem großen Kreis bulgarischer Offiziere und Ärzte, so konnte es einem wie in einem entsprechenden Kreis von Deutschen ergehen. Man hatte das Gefühl, als könne man aus der Vielgestaltigkeit der Gesichter und Typen Schicksal und Geschichte der Natur ablesen.
Viele der älteren Offiziere sahen, ihrer Ausbildung und Tradition entsprechend, genau aus wie Russen, dieser glich einem Türken, jener war ein ausgesprochener Südslave; bei einem sah der Semit, auch wohl einmal der Armenier oder ein Tropfen Zigeunerblut hindurch, am sympathischsten waren mir diejenigen, welche bulgarischen Bauern glichen. Wie oft mußte ich beim Anblick einer solchen Gesellschaft denken, wie gleicht dies Volk uns in Schicksalen und unerfüllten Idealen. Es wäre doch der Mühe wert, sich in das Wesen und die Art dieser Nation zu versenken, von ihren Schicksalen zu lernen und ihr Streben nachzuahmen.
Statt dessen sah man vor allem bei unseren jüngeren Offizieren manch spöttisches Lächeln und hörte viele unfreundliche Bemerkungen über schlechte Manieren und über das Knoblauchessen. Das war weder Überhebung noch schlechte Meinung, sondern es war eine leichtfertige Verkennung der Rolle, welche jeder Deutsche dort zu spielen hatte. Es fehlte die zart sich äußernde Überlegenheit des wahren Kulturträgers, welcher so viel ausrichten kann und gerade dort ausgerichtet hätte. Unsere hochgebildeten bulgarischen Freunde hatten eine ganz andere Geschicklichkeit im Umgang, z. B. mit den Albanern. Ich werde im nächsten Kapitel davon erzählen.
Uns fehlte in diesen Dingen die Erfahrung und diejenigen, welche die Erfahrung und den Takt hatten, unsere Jugend und manchen Alten über den Umgang mit fremden Völkern zu unterrichten, waren nicht am rechten Ort dazu verwendet. Wieviel ist in dieser Beziehung bei uns versäumt und verfehlt worden. Unsere Truppen, die so lange mit den Bulgaren zusammen zu arbeiten genötigt waren, hätten über das Wesen, die Besonderheiten, die Fehler und Vorzüge unserer Bundesgenossen unterrichtet werden müssen. Sie hätten von der Tragik im Schicksal der Bulgaren etwas erfahren müssen; dann wäre jenes überlegene milde Urteil und das feine Verhalten erzielt worden, welches durch das Verständnis bedingt wird.
Daß dies Ziel in Zukunft hoffentlich mit besserem Erfolg erstrebt werden kann, dazu kann jeder beitragen, welcher einen etwas tieferen Blick in das Wesen eines Volkes getan hat, wozu manchmal Zufall und ein gewisses Ahnungsvermögen hilfreich sind. Wie manches im Wesen der Bulgaren sich durch ihre Geschichte erklären läßt, davon mögen die folgenden Schilderungen eine Vorstellung geben; sie stellen für mich ein Erlebnis dar, welches mir einen sehr tiefen Eindruck hinterließ.
ACHTZEHNTES KAPITEL
DER TSCHIFFLIK VON BARDOWCE
Überall in der Türkei trifft man herrschaftliche Landbesitzungen, welche weite Strecken fruchtbaren Landes mit einer ganzen Anzahl von Dörfern umfassen. Meist befindet sich im Mittelpunkt des Gebietes, von Mauern eingeschlossen, das Herrenhaus, welches oft die Größe und das stattliche Aussehen eines Schlosses haben kann. In der Regel liegt nahe dabei eines der zum Gebiet gehörenden „Eingeborenendörfer‟.