Die ganzen Bäume waren dann von den großen Vögeln bedeckt, welche ihren Kopf unter die Flügel steckten und im Dunkel der Nacht wie seltsame Früchte erschienen.
Eines Tages, als ich mit meinen bulgarischen Freunden das Dorf Orman ([Abb. 143], S. [287]) besuchte, ließ ich mir von ihnen die Bestandteile eines Gehöftes erklären; um einen Hofraum herum stehen immer eine Anzahl Baulichkeiten, deren Zusammengehörigkeit durch einen sie umfassenden Zaun oder eine Hecke gekennzeichnet ist.
Sie bezeichneten mir das hohe, weißgetünchte Haus im Hintergrund als das Haus der Herrschaft; im Dorf Orman sei es bei seiner einfacheren Ausstattung wohl von dem Verwalter des Herrn bewohnt. Unter ihm stehe das Dorf mit all seinen Gehöften. Das ganz wohnlich aussehende größte Haus im Hintergrunde des Hofs sei das Haus des Vaters oder Großvaters der Familie, die den Hof bewohne. Im Hof standen allerhand Gebäude herum, an deren regelloser Anordnung man erkannte, daß sie nach und nach dem Bedürfnis entsprechend entstanden waren. Manche dienten als Scheunen, andere als Geräteschuppen, Ställe gab es keine. Manche waren aus Balken gebaut, die Wände bestanden aus Flechtwerk, ein mächtiges Strohdach deckte sie. Andere waren aus Lehmziegeln gebaut, selten waren sie einmal weißgetüncht. Während das Vaterhaus ein längliches Gebäude mit einer großen Eingangstüre war, welches mehrere Fenster aufwies und ein rotes Ziegeldach trug, hatten die meisten anderen Gebäude einen quadratischen Grundriß und waren mit Stroh gedeckt. Die Vorratshäuser für Stroh und Getreide hatten meist nur einen Eingang, aber keine Fenster, höchstens an einer Seite ein kleines viereckiges Luftloch.
Besonders merkwürdig erschienen mir kleine quadratische Pfahlbauten, deren in jedem Hof eines oder mehrere standen. Sie waren meist etwas abseits von den anderen Bauten errichtet. Sie hatten einen Eingang, zu dem eine kleine Leiter hinaufführte. An der Hinterwand hatten sie in der Regel ein einziges kleines Fenster. Meist waren sie aus Flechtwerk gebaut, das mit Lehm beworfen und außen geweißt war. Der Fußboden war auf einem Rahmen aus Balken in ähnlicher Weise hergestellt, und sah einer Tenne ähnlich.
Das Häuschen stand auf vier oder mehr Pfählen, die zum Teil durch schiefe Streben gestützt waren. Das Dach, in Gestalt einer vierseitigen Pyramide war fast ebenso hoch wie die Wände des Hauses und bestand aus mehreren Lagen von Stroh. Die Spitze war, um den Regen abzuhalten, mit einem Deckel überzogen, der aus Geflecht, Reisig oder Holz bestand. Der Querschnitt der Häuschen war quadratisch mit etwa 2½ qm Bodenfläche. Sie waren 4-5 m hoch.
Schaute man in die Hütte hinein, so war sie bei Tag fast immer leer, machte aber den Eindruck eines primitiven Wohnraums. In einer Ecke lag ein Haufen von Decken, offenbar das Schlaflager der Bewohner. An einer Wand stand eine Truhe. Auf dem Boden standen einige Körbe und Schüsseln. Eine Feuerstelle fehlte, der Pfahlbau hatte auch keinen Schornstein, während das Vaterhaus meist deren mehrere besaß. Die Häuschen waren verschieden gut gebaut und in verschieden gutem Erhaltungszustand, reinlicher oder schmutziger, wohlgeordnet oder in wildem Durcheinander, offenbar je nach der Art ihrer Bewohner.
Als ich meine bulgarischen Freunde fragte, was diese Häuschen wohl zu bedeuten hätten, ob das wohl Arbeiterwohnungen seien, zögerten sie einen Augenblick mit der Antwort, dann sagte der eine von ihnen: „Ja, wenn Sie wollen, Arbeiter- oder Knechtswohnungen, aber anders als Sie meinen. Soll ich es Ihnen klar und deutlich sagen, so muß ich diese Pfahlbauten als Fortpflanzungshäuser bezeichnen.‟
Er sagte dies mit einem eigentümlichen Blick und in einer bitteren Art, die ich sonst nicht bei ihm gewohnt war. Und als ich zuredete, erfuhr ich von meinen Freunden Dinge, die mir zeigten, wie die Bulgaren jahrhundertelang unter dem Joch der Türken gelitten haben müssen und in welch raffinierter Weise die letzteren verstanden, die Kräfte der Unterjochten für ihre Zwecke auszunutzen.
Nachdem sie mir die ganzen Verhältnisse geschildert hatten, fuhren wir nach einigen Tagen nach dem Tschifflik Bardovce hinaus, wo sie mir an einem typischen, großzügigen Beispiel die Methoden der Türken und ein interessantes Stück mazedonischer Ethnographie vor Augen führten. Ich habe keine Dokumente gesehen und in keinen Büchern eine Bestätigung dieser Angaben gefunden. Ich schildere, was ich sah, und füge dazu die höchst einfache und überzeugende Erklärung, welche meine Freunde mir gaben. Ich habe keine Ursache anzunehmen, daß sie ungenau unterrichtet waren, oder daß politischer Haß sie beeinflußte. Zudem hatte ich allen Grund sie für gut orientiert zu halten, da die Bewohner dieser Dörfer zu ihnen, den Ärzten, als vertrauende Patienten vielfach gekommen waren. Und der gute Arzt pflegt ja ein Beichtvater des Volks zu sein.
Als wir uns dem Herrschaftshaus des Gutes Bardovce näherten, fuhr unser Wagen in schlankem Trab durch eine Allee auf einer breiten Straße vor ein weißes Tor mit rotem Ziegeldach vor, welches sich mitten in einer hohen Mauer aus Ziegelsteinen erhob. Wie eine Festung war der Herrensitz von dieser 3-4 m hohen Mauer rings umschlossen. Sie selbst hatte eine Ziegelbekrönung und zeigte keinerlei Schmuck. Über die Mauer schauten hohe Bäume und die steilen, turmähnlichen Schornsteine stattlicher Gebäude heraus.