Wie wohl in alten Zeiten hielten wir vor dem verschlossenen Tor und pochten mit dem metallenen Klopfer an, daß es durch den Hof schallte. Es war aber nicht mehr die Dienerschaft des türkischen Paschas, des einstigen Besitzers, die uns öffnete, es waren bulgarische Soldaten, welche das in den Gebäuden aufbewahrte Armeemagazin bewachten.
Gleich neben dem Tor befand sich das Pförtnerhaus; zur anderen Seite dehnten sich lange niedrige Stallgebäude aus, denen jetzt das Dach fehlte. Das Schloß war geplündert worden und hatte auch sonst manchen Schaden gelitten. Aber wir bekamen doch einen Eindruck von der einstigen Pracht und dem Luxus, den sich der Pascha hier in seinem Landsitz hatte leisten können.
Im vorderen Teil des hier kahlen Hofs ragte ein stattliches, aus verschiedenfarbigen Steinen gebautes zweistöckiges Haus empor. Es hatte eine dreiteilige Fassade; der Mittelteil war zwischen den Seitenflügeln etwas zurückgefaßt und hatte einen rundlichen Umriß. In diesem Teil befand sich das weitläufige Treppenhaus, groß angelegt, durch seine Mitte führte das Hauptportal ins Haus. Zu beiden Seiten schlossen sich an Treppenhaus und Gänge Räume an, die saalartig umfangreich und mit ornamentalen Malereien geschmückt waren, Nischen mit plastischem Schmuck und Wandbrunnen enthielten. Daneben befanden sich Kammern und Schlafzimmer nebst Baderäumen. Ein großer Saal wurde als Speisezimmer bezeichnet. Das Haus war so als das „Selamlik‟, das Männerhaus, das Wohn- und Repräsentationshaus des Herrn charakterisiert. Wenn die Reste der Ausstattung auch nicht sehr feinen, erlesenen Geschmack verrieten, das Haus mußte, als die Fenster und Türen noch ganz waren, als die Wände mit Teppichen behängt, die Böden mit solchen belegt waren, Divans die Zimmer umfaßten, Tische und andere Möbel sie erfüllten, einen pompösen Eindruck gemacht haben.
Abb. 144. Hofraum des Tschifflik.
Das Selamlik war früher durch eine schwebende Brücke im oberen Stockwerk mit dem nebenanliegenden etwas kleineren, aber auch recht stattlichen Nebengebäude verbunden. Es war das „Haremlik‟, das Frauenhaus, welches den Harem des Paschas beherbergte. Es war nach allen Seiten durch Mauern von der Außenwelt getrennt, auch sein Hofraum von dem des Selamlik. Rings um das Haremlik waren hohe Bäume angepflanzt, welche den Platz vor dem Haus anmutig beschatteten und jeden Blick von der Außenwelt auf die oberen Stockwerke des Hauses verhinderten. Der Bauplan des Hauses entsprach im wesentlichen dem des Selamlik mit seiner Dreiteiligkeit. Auch hier war der Mittelteil ein luftiges Treppenhaus mit weiten Gängen und großen Fensteröffnungen. Die Raumeinteilung war ähnlich wie in dem anderen Haus; auch hier war viel zerstört, immerhin manche reizvolle Holzschnitzerei an Türrahmen und Fenstergittern erhalten. Die holzgeschnitzten Fenstergitter sind ja oft der Hauptreiz der Architektur von türkischen Haremsbauten.
Abb. 145. Selamlik.
Auch im Haremshof befanden sich dem Hauptgebäude gegenüber Wirtschaftsbauten, in denen wohl Küche und Dienerinnen untergebracht waren. Ringsum gut von der Welt abgeschlossen war so der Harem, nur zugänglich dem Pascha selbst, der von seinen Räumen aus auf luftiger Brücke direkt in die Räume seiner Frauen gelangte.
Trotz aller Zerstörung machte das Gebäude doch immer noch einen stattlichen Eindruck und man konnte sich wohl vorstellen, wie in ihm einst der Pascha hauste, der Schrecken für alle seiner Untergebenen, der Aussauger des Vilajets Üsküb, der hier seine Reichtümer ansammelte und ein frohes Leben genoß auf Kosten der Einwohner des Landes, deren elende Wohnstätten wir nun im Anschluß an die Besichtigung des Herrenhauses noch einmal genauer uns ansehen wollten.