Das Dorf Bardowce lag dicht bei dem Schloß, beide am Fuß eines Hügels gelegen, von dem aus man beide übersehen konnte. Trutzig lag das Herrenhaus zwischen seinen hohen Mauern, während die Hütten des Dorfes noch mehr als die des Dorfes Orman in einem Hain stattlicher Bäume verborgen lagen, so daß man von oben nur einzelne Dächer hervorlugen sah.
Abb. 146. Haremlik.
Ein wohltuender Schatten umfing uns, als wir durch die Gäßchen bummelten, welche die einzelnen Hofstätten miteinander verbanden. Wir sahen uns einen Hof nach dem anderen an; sie glichen sich sehr untereinander, nur daß die Größe des Elternhauses und die Zahl der Scheunen und Nebengebäude verschieden waren. Im Hof stand wohl ein unbespannter Wagen, Hühner und Enten liefen umher, aber sonst war es still. Die Bewohner waren heute wieder, am Arbeitstag, draußen bei der Arbeit.
Nur einzelne Kinder huschten durch die Zäune, während wir uns ungestört umsahen und meine Freunde mir erzählten und erklärten, was sie von den Zuständen wußten. Das Elternhaus enthielt eine Küche und mehrere Räume mit Betten und anderen Möbeln. Aus ihm schauten mehrere Kinder heraus. Meine Freunde berichteten mir, daß die Leute in den Dörfern zur Zeit der Türken Leibeigene gewesen seien, ohne Freizügigkeit. So gehörten die Bewohner eines Dorfes in der Regel zu ganz wenig Familien.
Abb. 147. Elternhaus.
Der Vater einer Familie hatte ein bestimmtes Stück Land zur Bebauung angewiesen bekommen. Er hatte dieses mit seinen Söhnen und deren Frauen ganz frei zur Verfügung. Es scheint, daß ihm nicht viel in die Art der Bebauung und in die Arbeit hineingeredet wurde. Aber vom Ertrag hatte er die Hälfte an den Herrn abzuliefern, die andere Hälfte stand zu seiner Verfügung. Das sei wenigstens das Verfahren in der letzten Zeit der Türkenherrschaft gewesen. Ob in früherer Zeit andere Sätze üblich waren, konnte ich nicht erfahren. Vielfach hätten sich die Leute dabei nicht schlecht gestanden, natürlich je nach der Arbeitsleistung und dem Ausfall der Ernte. Im Jahre 1918 schien sie nicht schlecht gewesen zu sein, die Vorratshäuser waren wohl gefüllt. Und damals waren ja die Leute unter bulgarischer Herrschaft freie Bauern. Was mag jetzt aus ihnen geworden sein?
Das seltsamste in den Höfen waren die Fortpflanzungshäuser. Nach der Zahl dieser Pfahlbauten konnte man abschätzen, wieviel verheiratete Söhne der Vater in diesem Hof hatte. Manche Höfe hatten nur eines, andere zwei oder drei, selten mehr. Als Zweck dieser Häuser wurde mir bezeichnet, die jungen Eheleute sollten in ihnen ihre Ruhe haben, um Kinder zu erzeugen. In jedem Haus lebte je nur ein junges Paar. Sie hatten nicht zu kochen und keine Haushaltssorgen. So lange die junge Frau ihr Kind stillte, behielt sie es bei sich. War es abgewöhnt, so kam es zur übrigen Kinderschar in das Haus des Großvaters, wo auch die Verpflegung der ganzen Familie besorgt wurde. Das Paar hatte nur für baldige weitere Nachkommenschaft zu sorgen und auf den Feldern mitzuarbeiten. Je mehr solche Häuser also da waren, um so mehr Aussicht auf reichlich Arbeitskräfte. Wahrlich eine raffinierte Methode, unter Ausnützung des unterjochten Volkes die Interessen des Paschas zu fördern. Es gelang mir allerdings nicht, klare Auskunft darüber zu erhalten, ob die Türken die Urheber dieses Verfahrens waren, oder ob alte slavische Sitten dahinter steckten.