Die verfallenen Häuser Mazedoniens mit ihren Lehmziegelwänden und dem hölzernen Fachwerk boten einer Unmenge von Spinnen Herberge und Jagdgefilde. An meinem eigenen Haus und an meinem Laboratorium war die Bautätigkeit einer eigenartigen Spinne an den Außenwänden vielfach zu beobachten.

Wo ein Loch in der Wand war, wo eine Spalte in einer Bretterverschalung oder zwischen Balken und Mauer sich hinzog, da leuchteten eigenartige Sternfiguren auf, aus einer hellgrauen Substanz gebildet. In der Mitte einer weißlichen Fläche gähnte ein dunkles Loch, das offenbar tief in die Mauer hineinführte. Um die weißliche Fläche sah man einen Kranz von Strahlen mehr oder weniger weit sich über die Wand spannen. War die Wand dunkel, so leuchtete der Stern hell auf, war sie hell, so hob er sich schwach in feingrauer Farbe von ihr ab. Oft waren die Sternchen dick mit Staub bedeckt, vor allem an alten verlassenen Häusern ([Abb. 153]).

Abb. 153. Nesteingänge von Filistata insidiatrix Forsk.

Sah man genauer hin, so bemerkte man bald, daß es sich um Bauten von Spinnen handelte. Durch das schwarze Loch ging es in die Wohnröhre hinein, welche mehrere Zentimeter lang war. Im Hintergrund saß die kleine, dunkelgefärbte Spinne und lauerte auf Beute. Die helle Scheibe um das Loch besteht aus einem dichten Gewirr von dickeren und feineren Fäden, die nach allen Seiten durcheinander gefilzt sind. Sie bilden ein festes, federndes Gewebe und stellen den Eingang in die Wohnröhre dar. Strammgespannt ist dies Gewebe, welches meist der Mauer nicht dicht anliegt, sondern über die Spalte, den Rand des Mauerloches oder zwischen Steinen sich ausdehnt, durch Spannfäden, wie sie auch sonst an Spinnennetzen nötig sind. Bei unserer „Lochröhrenspinne‟ sind sie nur wenige Zentimeter lang und mit ihrem äußeren etwas verdickten Ende an der Unterlage angeklebt. Vielfach sind die Fäden verzweigt, indem an ihnen seitlich oder querverlaufende Hilfsspannfäden angebracht sind.

Klebfäden konnte ich am Netz nicht feststellen. Bei den eigenartigen Gewohnheiten der Spinne braucht sie wohl auch keine. Selten sah ich sie zum Netz herauskommen. Gelegentlich konnte ich sie abends einmal auf die helle Fläche heraustreten sehen und sie dann auch beobachten.

Das Tier war sehr schwer zu fangen; blitzschnell tauchte es in die Tiefe seiner Lochröhre hinein und war für alle Instrumente unerreichbar, die ich anwenden konnte. Sehr leicht gelang es aber, es unter Ausnutzung seiner Freßgier zu überlisten. In der Regel fing sie an der Mündung ihrer Röhre auf der Wand vorbeilaufende Insekten, vor allem die um die benachbarten Ställe umherschwärmenden Fliegen.

Abb. 154. Nestbauten einer Anzahl Individuen der Lochröhrenspinne (Filistata insidiatrix Forsk.).

Hielt ich nun mit der Pinzette eine lebende Fliege vor ihr Loch, so kam sie langsam und vorsichtig heran, stürzte sich schließlich mit einem plötzlichen Sprung auf die Beute. Da sie diese nicht mehr losließ, konnte ich sie an ihr herausziehen und rasch in das Fangglas befördern.