Das auffallendste an dem Netz, das neben seinem glänzenden Insassen weithin sichtbar ist, besteht in einem leuchtend weißen Band, welches sich von dem mittleren kleinen Hofkreis der Spinne zum äußeren Rand des großen Rades hinzieht. Es besteht aus glänzend weißen, dicht verflochtenen trockenen Seidenfäden ([Abb. 157]).
Vor diesem wellenförmigen Band sitzt die lauernde Spinne, stets mit dem Kopf gegen dieses gerichtet. Ich hatte den Eindruck, als wirke dies Band anlockend wie eine Blume auf allerlei fliegende Insekten. Ich sah besonders häufig Schmetterlinge auf das Netz der Silberspinne zufliegen, an den Klebfäden hängenbleiben und sich dann durch unruhige Zappelbewegungen immer mehr im Netz verfangen. Meist blieb dem Opfer aber dazu nicht viel Zeit, denn mit erstaunlich rascher Bewegung schwang die große Spinne, die bisher so träge auf ihrem Lauerplatz gesessen hatte, sich über die Fäden des Netzes zu ihm hin. Mit raschem Biß war der Schmetterling getötet und nun wurde er von dem wilden Tier mit den Beinen in eine rasche Wirbelbewegung versetzt. Im Nu ist das Opfer, und wenn es ein großes, starkes Tier ist, vollkommen in eine dichte Hülle glänzend weißer Fäden eingewickelt, so daß man von ihm nichts mehr sieht.
Abb. 159. Eierkokons von Argiope brunnichii Leop., einer Verwandten der Silberspinne.
Eine Abbildung ([Abb. 157]) zeigt uns eine photographische Aufnahme des eigenartigen Netzes, in welchem man auch in der Mitte die Argiope in ihrer eigenartigen Stellung sieht. Es war nicht einfach, die feinen Fäden des Netzes auf die photographische Platte zu bannen, zumal die meisten Netze dieser Spinne zwischen den Büschen frei gegen den Himmel hingen. Es gelang mir nur dadurch, daß ich nach langem Suchen ein geeignetes Netz in günstiger Umgebung auffand, welches sehr praktisch zur Abendsonne hing. Dort wartete ich abends solange ab, bis die untergehende Sonne so tief stand, daß ihre Strahlen das Netz trafen. Als dessen Fäden nun selbstleuchtend vor dem dunkelen Hintergrund einer Stacheleiche standen, machte ich eine mehrere Minuten dauernde Zeitaufnahme, die immerhin ein brauchbares Resultat lieferte. Argiope lobata Pallas ist im südlichen Mazedonien eine häufige Form. Ähnlich wie sie, baut Argiope brunnichii Leop., welche auch am Körper lebhaft schwarzgelb gefärbt ist. Letztere Form fand ich häufig auf der Hochebene von Stip. Damals war offenbar deren Hauptfortpflanzungszeit, welche überwinternde Kokons lieferte. Denn es war Ende August, als ich jene großen zipfelförmig ausgezogenen Kokons in großer Anzahl zwischen Steinen und an Pflanzen fand. Sie sind nebenan abgebildet ([Abb. 159]).
Eine seltsame Spinnenform, welche im südlichen Wardartal nicht selten ist, und welche ich in Mazedonien nur dort antraf, beschäftigte die Phantasie unserer Soldaten sehr viel. Es war ein großes rasches Tier mit unheimlich langen Beinen, das vor allem abends, über die Lagerplätze huschend, die Leute gespensterhaft anmutete. Bei Kaluckova traf ich sie besonders draußen im Wardartal beim Fliegerlager, am häufigsten in der Gegend von Mravinca, die ja überhaupt in ihrer Tierwelt manche Besonderheiten bot. Da fand ich das Tier manchmal am Tage unter Steinen. Im Fliegerlager bei Hudova sah ich aber nicht selten nachts im grellen Licht einer Bogenlampe das unheimliche Wesen wie einen Schatten pfeilschnell über den hell beleuchteten Boden huschen. Dann flog die ganze lustige Gesellschaft auf und sauste hinter der großen Spinne her, um dem Professor die Beute zu sichern.
So erhielt ich manches Exemplar des gefürchteten Tieres, welches Offiziere wie Soldaten als große Spinne die „Vogelspinne‟, nannten. Die Art hat aber mit diesen südamerikanischen Riesenspinnen nichts zu tun, gehört vielmehr in die Gruppe der Gliederspinnen (Solifugen) und erwies sich in der Heimat nach Bestimmung der konservierten Exemplare als die Art Galeodes graecus C. L. Koch.
Die Solifugen sind Tiere, welche in Wüsten und Steppen aller Erdteile eine große Rolle spielen. In den südrussischen Ebenen, in den ungeheueren Wüsten und Steppen Zentralasiens, in Syrien, Ägypten, Nord- und Südafrika kommen sie in einer großen Zahl von Arten und meist in großen Mengen vor. So weist denn auch das Vorkommen auf dem Balkan auf wichtige Beziehungen seiner Tierwelt zu den Steppen des Ostens hin.
Galeodes graecus, die griechische Walzenspinne, ist ein höchst auffälliges, bizarr aussehendes Tier. Der wulstige Leib mit dem mächtigen Kopf wird von vier Paaren langer dünner Beine getragen, zu denen als fünftes Paar von Gliedmaßen die oft weit vorgestreckten Kiefertaster kommen. Die haben ein stumpfes keulenförmiges Ende und werden von dem Tier beim Laufen auch als fünftes Beinpaar benutzt. Von allen Spinnentieren sind diese sogenannten „Walzenspinnen‟ durch den vom Hinterleib scharf abgesetzten Kopf unterschieden. An dem mächtigen dunkelbraunen Kopf trägt das Tier eine große, senkrecht gestellte Schere, die aus den sogenannten Kieferfühlern gebildet wird.
Dieses gewaltige Beißwerkzeug macht, vor allem wenn das Tier die Schere weit öffnet, einen erschreckenden Eindruck. Aber dieser Schrecken ist kaum berechtigt. Die Wunde kann wohl bluten, sie kann hinterher eitern und so gefährlich werden. Aber alle Erzählungen von Krankheit oder Tod, die der Biß des Galeodes verursacht hätte, denen ich nachging, erwiesen sich als Legenden. Es war auch sehr unwahrscheinlich, da in der Beißschere der Walzenspinne gar keine Giftdrüse ist.