Besonders bemerkenwert war die große Tastempfindlichkeit des Tieres, die wohl bei seiner nächtlichen Lebensweise eine wichtige Rolle spielt. Bei Berührung auch nur eines einzelnen Haares nahm das Tier sofort die Abwehrstellung ein. Auch fuhr es mit den Tastern gegen die berührte Stelle. Besonders die langen Beine des Tieres erwiesen sich als äußerst reizbar gegen Berührung. Die langen Haare, welche den ganzen Körper und alle Gliedmaßen bedecken, sind alle Sinneshaare. Sie tragen viel bei zu dem charakteristischen Aussehen des Tieres, das bereit scheint, von allen Seiten Reize aufzunehmen.
Berührung eines einzelnen Haares an den Tastern, an irgendeinem der Beine, am Hinterleib, selbst mit einem ganz zarten Gegenstand, z. B. mit einem Menschenhaar, führt prompte Reaktion herbei. Es erfolgt stets eine rasche Drehbewegung gegen die berührte Stelle. Berührung des Hinterendes veranlaßte eine blitzschnelle Umdrehung des ganzen Körpers. Dabei war die Verwendung der einzelnen Beine in unabhängiger Bewegung sehr bemerkenswert.
Ganz besonders empfindlich gegen Berührungsreize sind die schaufelförmigen Fortsätze am hintersten Beinpaar, die sogenannten Malleoli. Auf ihre Berührung reagiert das Tier blitzschnell und sehr heftig. Welche spezielle Funktion diese besonderen Sinnesorgane bei Galeodes haben mögen, ist noch nicht bekannt. Sicher sind sie geeignet, dem Tiere eine genaue Prüfung von ihnen berührter Gegenstände zu ermöglichen. So mögen sie im Geschlechtsleben eine Rolle spielen. Leider fehlte mir, angesichts der vielen Aufgaben, die in jener Zeit sich vor mir auftürmten, die Zeit, das Tier eingehend auf seine Reizreaktionen in sorgsam angestellten Experimenten zu prüfen. Es hätte dies sicher sehr interessante Ergebnisse geliefert.
Jedenfalls hatte ich den Eindruck, daß das Tier vielmehr unter dem Einfluß von Reizreaktionen steht und automatisch reagiert, als derjenige Forscher annimmt, der bisher die Tiere wohl am eingehendsten studiert hat. Heymons lehnt ihre starke Abhängigkeit von Tropismen ab. Mir dagegen scheinen solche in ihrem Leben eine große Rolle zu spielen. Gerade seine Beobachtung, daß sie in der transkaspischen Steppe so leicht den Eisenbahngeleisen sich anschließen und an ihnen blieben, scheint mir eine Folge ihrer sehr auffälligen Thigmotaxisreaktionen zu sein, die ich beobachten konnte.
In Mazedonien scheint die Fortpflanzungszeit, ähnlich wie in der transkaspischen Steppe, im Juni und Juli zu liegen. Kleine jugendliche Exemplare fanden sich vom August an in den Herbstmonaten.
Zu den Spinnentieren gehören auch die Skorpione; nach den Erfahrungen, die ich sonst im südlichen Europa gemacht hatte, hätte ich erwartet, sie in Mazedonien in großer Zahl anzutreffen. Es wurden mir auch aus den ersten Jahren des Balkanfeldzuges sogar von Ärzten recht seltsame Geschichten von Abenteuern unserer Soldaten mit Skorpionen erzählt. So wurde von Lähmungen und langdauernden Anästhetien nach Skorpionstichen berichtet. Da ich nach eigenen Erfahrungen Schmerz und Folgen eines Skorpionstiches bei den südeuropäischen Formen nicht schlimmer einschätzte als die eines Wespenstiches, so war ich auf Sammlung neuer Erfahrungen sehr gespannt.
Es stellte sich bald heraus, daß Skorpione in Mazedonien durchaus keine häufigen Tiere sind. Ich habe allerdings eine Sammlung von Arten dieser Gruppe zusammengebracht; aber diese war das Resultat angestrengter Sammelarbeit und des Umwälzens von vielen Tausenden von Steinen. So ist es auch verständlich, daß ich nie einem Eingeborenen oder Soldaten begegnet bin, der von einem Skorpion gestochen gewesen wäre. Folgende Arten habe ich in Mazedonien gefunden:
1. Euscorpius carpathicus L. bei Üsküb sowohl im Tiefland als am Pepelak und an der Kobeliza in 2100 m Höhe.
2. Buthus occitanus Amoreux, der mehr im Süden beobachtet wurde. Ich fand ihn bei Mravinca und Kaluckova sowie in der Babunaschlucht bei Veles.
Überblicke ich meine Tagebuchnotizen über Spinnen, so ist es sehr auffallend, daß vielfach für die ersten Frühlingsexkursionen große Zahlen von Spinnenfunden verzeichnet sind. Natürlich hängt dies zum Teil damit zusammen, daß ich mich an solchen Tagen in besonders spinnenreichen Gegenden befand. Aber nicht weniger sind jene reicheren Funde dadurch bedingt, daß an Tagen, an denen die sonstige Tierwelt durch Kälte und ungünstiges Wetter vertrieben oder zur Untätigkeit gezwungen war, die Kraft und Aufmerksamkeit von mir und meinen Mitarbeitern mehr der Aufgabe gewidmet werden konnte, den Spinnen in ihren Verstecken nachzugehen.