Aber deren Erträge waren ungenügend, angesichts der großen Mengen, die man zur Härtung des Stahls für Panzerplatten für Forts, Befestigungen, für die Marine brauchte. Es war ein schwerer Notstand, zu dessen Behebung alle Hebel in Bewegung gesetzt wurden. Die einzigen Bergwerke, die Chrom lieferten und in unseren Händen waren, lagen in Mazedonien und im türkischen Kleinasien. Nur Radusche war von diesen einigermaßen günstig zu einer leistungsfähigen Bahnlinie gelegen. Die anderen Werke in Mazedonien, nahe bei Dedeli, waren sehr klein und wenig ertragreich.

So liefert denn in jener Zeit Radusche all das Chrom, welches wir zur Stahlhärtung bekamen. Es herrschte daher ein fieberhafter Betrieb dort und auf der Kleinbahn. Alles Geförderte wurde sofort abtransportiert, fuhr nach Deutschland und wurde dort gleich nach der Ankunft verarbeitet.

Man bekam hier einen Einblick in eine der vielen Nervenleitungen des Kriegsorganismus und lernte verstehen, wie außer politischen und militärischen Notwendigkeiten auch harter wirtschaftlicher Zwang die Besetzung eines Landes und das Halten einer Front unerläßlich machte.

Da noch viele andere wichtige Elemente des wirtschaftlichen Lebens aus dem Balkan flossen, ich erinnere nur an das serbische Kupfer aus Bor, an das Opium für die Arzneifabrikation, an Reis, Getreide, Öl und all die Lebensmittel sowie das Petroleum aus Rumänien, so wird man verstehen, welche Folgen der Zusammenbruch dieser Front auf alle Dispositionen unserer Heeresleitung haben mußte.

EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL

DER KATLANOVOSEE

Etwa 20 km östlich von Üsküb liegt im Winkel zwischen dem Wardar und der südlich in diesen mündenden Pcinja ein eigenartiger Sumpfsee, der Katlanovosee. Er und seine Umgebung bot dem Zoologen viel Interessantes. So war er das Ziel zahlreicher Ausflüge, welche der Vogelwelt, den Insekten und Spinnen wie den Wassertieren galten. Bei diesen war häufig mein Begleiter mein früherer Assistent Dr. Nachtsheim. Es war mir gelungen, ihn vom Postüberwachungsdienst zu befreien und ihn nach Mazedonien kommandiert zu bekommen, wo er nützlichere Tätigkeit fand.

Nördlich vom Katlanovosee zieht sich ein schmales Sumpfgebiet bis in die Gegend von Üsküb, in welchem zahlreiche Bäche versickern. Somit ist jetzt der See im wesentlichen ein Sammelbecken dieser Bäche. Es ist nicht ausgeschlossen, daß er früher einmal vom Wardar durchflossen wurde oder diesen an anderer Stelle mit der Pcinja verband, ehe diese sich ihre Schlucht zum Wardar gewühlt hatte.

Der lange Weg von Üsküb zum See war reizvoll durch die Blicke auf die Berge der Umgegend; entzückend schöne Formen hatten vor allem Osri und Kitka, welche als letzte Ausläufer der Golesniza Planina in die Wardarebene etwa 1500 m hoch emporragten und diese damit fast bis zur Wardarklamm zwischen Taor und Selenikovo fortsetzten. Nördlich zogen sich die Höhen des Karadak hin. Kleine Dörfer lagen in Gruppen von Pappeln und Obstbäumen malerisch vor den Bergen. Auf den Bäumen sah man viele Storchennester.

Wie diese, so hatte der Sumpfwald, der sich zwischen Üsküb und dem See hinzog, eine reiche Vogelwelt angelockt, deren Studium ich manchen Tag im April 1918 widmete. Prachtvolle alte Eichen, Weiden, Erlen und Haselgebüsch bildeten diesen lichten Wald, in welchem auch Pappeln nicht fehlten. Zwischen den Gruppen großer Bäume dehnten sich Flächen dichten Gestrüpps aus, die besten Schlupfwinkel für die mannigfaltige Vogelwelt.