Daß im Sumpfwald allerhand Kleinzeug von Vögeln vorkam, ist nicht verwunderlich. Der Wendehals (Jynx torquilla torquilla L.) trieb dort sein munteres Wesen. An den Stämmen lief der Baumläufer (Certhia brachydactyla brachydactyla Brehm) lebhaft auf und ab. Auch der Kleiber holte sich an den Tümpeln Lehm zum Bau seines Nestes (Sitta europaea caesia Wolf). Ein reiches Leben von Meisen huschte durch die Baumkronen, allerhand Arten, so die Kohlmeise (Parus major major L.), die Blaumeise (P. coeruleus coeruleus L.) und Sumpfmeise (Parus palustris stagnalis Br.). Sehr lebhaft waren die Schwanzmeisen, von denen hier zwei Formen, wie fast überall, häufig waren (Aegithalus caudatus L. und Aegithalus caudatus mazedonicus). Alle waren sie beim Nestbau. Besondere Freude machten mir die Beutelmeisen, welche hier wie am See selbst zahlreich vorkamen und deren sorgfältig gebaute Nester an den Büschen und am Schilf hingen.

Manchen schönen Abend verbrachte ich hier im Wald, die Vögel beobachtend. Durch die noch kaum belaubten Bäume strahlte der gelbe Himmel hindurch, blau leuchteten die Berge und wurden immer blauer, während es im Gebüsch und in den Baumkronen immer stiller wurde und all die munteren Vögel ihre Schlafplätze aufsuchten und nur die Eulen stillen Fluges durch die Lüfte strichen.

Zum See selbst war vom Sumpfwald aus noch ein gut Stück Landstraße zurückzulegen. Dürre Felsenhügel mit niederen Büschen begleiteten den Nordrand der Straße. Von ihnen flog gelegentlich eine Felsentaube herüber (Columba livia L.). Den Katlanovosee erkannte man als solchen erst, als man ihm ganz nahe war. Jenseits, im Süden, ragten die Randberge des Wardartales auf, welche bis dicht an den See herantraten. Von der Landstraße aus ging es flach über eine sandige Ebene zum See, dessen Wasserfläche man vor Pflanzenwachstum kaum irgendwo erblickte. Ein Meer von Schilf und Röhricht breitete sich vor meinen Augen aus, im Frühjahr dürr und gelb, später im Jahr prächtig grün.

Wenn am frühen Morgen ein frischer Wind durch das Röhricht strich, ging ein Rauschen über die ganze Fläche, das in der Ferne sich verlor, um irgendwo wieder anzuheben. Eine eigenartige Musik ging von diesem See aus. Allerhand Geräusche tönten aus dem Schilfmoor heraus. Fast dröhnend wie Paukenwirbel drang geheimnisvoll anschwellendes Rauschen aus den Herzen der Schilfwälder hervor. Waren es Scharen von Wildgänsen, Enten oder Wasserhühnern, welche das Röhricht durchbrachen, das Wasser aufwühlten, indem sie in wilder Flucht vor dem nahenden Menschen sich davonmachten?

Dr. Nachtsheim phot.

Abb. 165. Alter Einbaum im Katlanovosee. Dahinter Wasserschierling und Röhricht.

Es war kein leichtes Gelände, um Tiere zu beobachten und zu erjagen, dieser See, dessen seichtes Wasser fast ganz überwachsen war und nur stille einsame Lichtungen weit draußen offen gelassen hatte. Am Ufer waren einige kleinere Becken zu entdecken, in denen alte Einbäume, morsche Fischerkähne im Wasser versunken lagen. Der Krieg mußte die Fischer vom See vertrieben haben; denn auch die kleinen Schilfhütten am Ufer und auf Sandbänken im Innern des Schilfwaldes waren verfallen und vernachlässigt.

Bei unserem ersten Erkundungsausflug lagerten wir an einer sandigen Bucht, in welcher ein solcher Kahn lag. Rasch hatte mein Assistent sich ausgezogen und suchte das Boot zu heben und mit seiner Mütze auszuschöpfen. Dazwischen fing er mit dem Handnetz Wasserkäfer und allerhand Schwimmwanzen, die in Menge im seichten Wasser herumschwammen.

Plötzlich stürzte er erschreckt ans Ufer; Blut lief an vielen Stellen von seinen Schenkeln herab, an seinem Körper hingen fast ein Dutzend Blutegel. Noch hatten sich die Bestien nicht ganz fest angesaugt, so daß es gelang, ihn schnell davon zu befreien. Es war der echte medizinische Blutegel (Hirudo medicinalis L.), welcher den See für uns außerordentlich schwer zugänglich machte. War ein Vogel geschossen, so fiel er im Schilf nieder und es kostete Zeit, ihn aufzufinden. In dieser Zeit saugten sich überall im See Blutegel an den Jäger und so mußte überlegt werden, wie man einen Kahn flott machen konnte, um ungefährdet ins Innere der Schilfwälder zu gelangen. Es gelang schließlich, und auch ein primitives Ruder wurde aus einem Brett geschnitzt. Aber oft mußte man doch aus dem Kahn heraus, um das Netz einzuholen oder den gefallenen Vogel zu suchen. So hat jeder von uns seine Portion Blut opfern müssen, um die Erforschung des Sees durchzusetzen. Es ging auch so und manche interessante Beobachtung wurde erzielt.