So entstehen reizvolle Felsenlandschaften von wechselnder Höhe und mannigfaltiger Gestaltung und Färbung. Schön und reich ist auch die Flora der Flanken dieser Enge. Kurz hinter Taor ziehen sich steile Abstürze von Kalkbergen bis Selenikovo hin ([Abb. 167]). Die weißen Hänge spiegelten sich im farbig vom Abendhimmel überstrahlten Wasser des Wardar, welches hier von üppigem Buschwerk und stattlichen Bäumen eingefaßt ist. Pappeln, Ulmen, Eschen, Erlen, viele Weidenbäume und -büsche warfen bunte Schatten auf den Spiegel des Flusses, über den die Büsche tief sich neigten. So ist mir die letzte Heimkehr vom Katlanovosee in schöner Erinnerung.

Nicht minder interessant waren Streifzüge in den Hängen des Wardartales zwischen Selenikovo und Veles. Kurz hinter Selenikovo begannen Schieferberge, welche im Mai mit blühenden Sträuchern wilden Flieders mit weißlichen und lila Blüten bedeckt waren. Es war die Syringa vulgaris L., deren Blüten kleiner sind und weniger stark duften, als diejenigen des persischen und chinesischen Flieders, aber auch wie jene bei uns als Ziersträucher angebaut werden. Auf den Felsen gab es viele Schlangen und Eidechsen; Hasen und Felsenhühner sprangen vor dem Kletterer auf.

Eine wundervolle Pflanze kam in den kristallinischen Schiefern kurz vor Veles an den Steilwänden der Schlucht vor. Es war die der Christrose ähnelnde, rosenrot gefärbte, von einer Rosette dunkelglänzender Laubblätter umschlossene Ramondia nataliae, benannt nach jener Königin Natalie von Serben, deren Namen einstmals so viel in den Zeitungen Europas herumspukte, ein wohl nicht ganz berechtigter Name für Ramondia serbica Pančič.

ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL

BESUCH BEI DEN ALBANERN

Meine bulgarischen Freunde hatten den kühnen Plan, an den Abhängen des Ljubotren eine Wildschweinjagd zu veranstalten. Ein alter Albaner, ehemaliger Patient und seither treuer Anhänger des Dr. Molloff, hatte eingeladen, bei ihm Quartier zu nehmen.

Es war um die Wende von Februar und März, als wir uns frühmorgens in die Eisenbahn setzten, welche von Üsküb nach Nordwesten über Prizren nach Mitrowitza führt. Wir fuhren aber nur die 36 km durch das Lepenatztal bis Kazanik, einem kleinen Ort, welcher bei 425 m Höhe am Fuß des Ljubotren gelegen ist. Es war eine interessante Fahrt durch das tiefeingeschnittene Tal des Flüßchens, welches im flotten Lauf, über Steine plätschernd, dem Wardar zufließt.

Kazanik liegt sehr reizvoll vor dem noch tief mit Schnee bedeckten Ljubotren, der allerdings bei unserer Ankunft in Wolken steckte. Hier und da öffneten sich die Wolken, und wir konnten einen Blick auf weite Schneefelder tun, welche sich jenseits der Waldzone ausdehnten. Kazanik mit seiner weißen Moscheekuppel und seinem schlanken Minaret liegt zwischen Bäumen eingebettet zu beiden Seiten des Lepenatzflusses, der kurz unterhalb des Ortes in eine Schlucht eintritt. Der Zug hatte uns vorher durch einige Tunnels geführt.

Den Ort durchfloß die Lepenatz als starker Bach mit steilen Ufern. Über den Steinen in seinem Bett flogen zahlreiche Wasserstare, Männchen und Weibchen. Es war ein anziehendes Schauspiel, wie sie von Stein zu Stein flogen, bald mit gespreizten Flügeln auf den Felsen standen, bald sich in das Wasser stürzend. Wie sich im Laufe unserer Forschungen herausstellte, ist der mazedonische Wasserstar eine besondere Form (Cinclus cinclus orientalis Stresem.), so ähnlich er auch dem heimischen Vogel sah, den ich aus dem Schwarzwald und den Voralpen so gut kannte.

Während unsere Tragtiere herangebracht wurden, durchstreifte ich das Flußufer und das malerische Tal. Wir brachen am Nachmittag auf, zweigten bald von der Bahn ins Lepenatztal nach Norden ab. Es war ein weites Tal, welches wir etwa 1 Stunde aufwärts verfolgten, um dann steil die Berge hinaufzuklimmen, an die Hänge des Ljubotren.