Der Abend sank schon herab, als wir in der Höhe von etwa 700 m durch Obstgärten, an Zäunen, Hecken und Mauern vorbei an ein Holztor gelangten, welches auf Klopfen sich vor uns öffnete. Wir traten in einen nicht sehr großen Hof, dessen eine Längsseite von einem niedrigen Haus eingenommen war, sein einziges Stockwerk war von einem Strohdach bedeckt. Die anderen Seiten des Hofes waren von Schuppen und Vorratshäusern eingefaßt. Über dem Eingang hing das Dach weit vor und war von Balken gestützt.
Unser Gastfreund, ein alter Albaner von über 70 Jahren, namens Mustafa Visch, trat uns freundlich entgegen und begrüßte uns unter umständlichen Formen. Wir traten in das dunkle Haus ein, dessen an der linken Seite befindlichen Fenster tief in der Wand saßen. Eine niederige Decke war von Balken gestützt, die in zwei Reihen standen, so daß in der Mitte ein Durchgang auf einen offenen Kamin führte, in welchem ein mächtiges Holzfeuer prasselte.
Dessen Schein genügte, um uns das Zurechtfinden im Raum zu gestatten. Wir sahen, daß die beiden Abteilungen des Zimmers mit schönen dicken Teppichen belegt waren. Die Abteilung links war für uns vorbereitet, die rechts gelegene, etwas kleinere, hatte der alte Mann für sich und seine Söhne reserviert.
Das erste war, daß wir vor dem Betreten der Teppiche unsere sehr schmutzigen Stiefel ablegten und ermüdet uns auf den Boden setzten. Unser alter Gastfreund, gekleidet in enge, schwarze wollene Hosen, ein wollenes Hemd, über welches eine emaillierte Kette mit einer Taschenuhr hing, schaute aus einer pelzverbrämten, langen braunen Jacke hervor; unter dem roten Bauchgürtel ragten noch Zipfel eines weißen Wamses heraus. Den Kopf deckte das übliche halbkugeliche, weiße Filzkäppchen. Ähnlich warm und gut waren die übrigen Männer gekleidet.
Mit mir waren sechs Bulgaren mitgekommen, dazu hatte ich meinen Burschen und den Präparator Aigner, die bulgarischen Herren ihre Bedienung und noch Bedeckungsmannschaften bei sich. Dennoch kamen wir ganz gut unter, denn die Bedienung verschwand bald draußen, machte eine Küche ausfindig und begann für uns zu kochen.
Es war ganz behaglich in dem von dem starken Feuer durchstrahlten Raum auf unseren dicken Teppichen. Anfangs hatte man etwas Angst vor Ungeziefer. Aber bei der allmählichen Gewöhnung an Schmutz fand man das Quartier recht sauber, breitete die Decken aus und bald kam unser Essen. Wir boten natürlich unseren Gastfreunden von unserem Proviant an, was sie erwiderten, als sie nach uns ihre Speisen bereiteten und es sich gemütlich machten.
Mit dem greisen Vater lebten drei unverheiratete Söhne zusammen, welche alle auch schon über 50 Jahre alt waren. Zwei davon machten einen sehr gesetzten, klugen Eindruck, während der Dritte etwas abnorm zu sein schien. Es war außerordentlich interessant zu beobachten, wie respektvoll sie mit ihrem alten Vater umgingen. Trotz ihres Alters, hatten sie noch keine Rechte im Haus. Der Vater hatte stets den Vortritt, sie warteten, bis er sie aufforderte, sich zu setzen.
An dem Kaminfeuer wurde dann ihr Essen zubereitet, welches aus Hammelfleisch mit Reis und Gemüse bestand. Während wir auf unseren Decken lagen, beobachteten wir ihr eigenartiges Gehaben. Zwei Öllampen, welche an der verräucherten Holzdecke aufgehängt worden waren, verbreiteten ein gelbes Licht über den Boden des Gemachs, warfen dunkle Schatten hinter den Balken, während vom Kamin von Zeit zu Zeit ein Krachen ertönte, Funken aufsprühten und ein heller Schein den ganzen Raum erfüllte.
Die vier Greise hockten sich um einen kleinen, niedrigen, dreibeinigen Tisch, auf den die große, dampfende Schüssel zwischen sie gestellt wurde, es war der rußgeschwärzte, halbrunde Topf, welcher vorher an einem langen Hacken über dem Kaminfeuer geschwebt hatte. Vor jedem von ihnen stand ein Messinggefäß mit Wasser und lag ein sauberes Wischtuch.
Nun kam der Vater zuerst mit dem Essen daran, griff mit den Fingern in den Topf und holte sich ein gutes Stück heraus, führte es zum Mund, wusch dann seine Hände ab, ehe er von neuem hineingriff. Dann bot er den gefischten Brocken demjenigen seiner Söhne dar, den er offenbar bevorzugte. Er steckte ihn ihm direkt in den Mund. Das war das Zeichen, daß diese auch mit ihrer Mahlzeit anfangen konnten. Sie verfuhren genau so wie der Alte. Mit ihren Fingern waren sie ebenso reinlich wie er. Und so wußte ich die Ehre zu schätzen, als der alte Mann einen möglichst schönen Happen Fleisch für mich herausfing und ihn mir in den Mund steckte. Als die Alten fertig waren, wurde zur größeren Feier noch ein guter, süßer, schwarzer Kaffe gebraut und in kleinen Täßchen auch uns allen angeboten.