Wir hatten uns alle schon längst zum Schlafen ausgestreckt, als die alten Männer sich auch dazu anschickten. Die Söhne bereiteten dem Vater das Lager aus Kissen und Teppichen, dann der jüngste der Fünfziger seinen beiden Brüdern das ihrige. Schließlich ordnete er umständlich das seine, löschte die letzte Lampe und kroch unter seine Decken. — Ich hatte als Letzter von uns blinzelnd das alles mit angesehen. Nun flackerte das Feuer im Herd noch einmal auf und dann begann auf allen Seiten ein mächtiges Schnarchen. Man schlief gut und fest und mit dem Gefühl voller Sicherheit unter dem Dach des neuen Gastfreundes.
Früh am nächsten Morgen wurde zur Wildschweinjagd aufgebrochen. Es war eine stattliche Schar, welche gemeinsam loszog. Albaner zogen zahlreich als Jäger und Treiber mit, alles hohe, schlanke Gestalten, mit Gewehren über der Schulter. Der große Troß, der Lärm, mit dem man in die Höhe gegen den Wald stieg, flößte mir wenig Vertrauen auf das Gelingen der Jagd ein.
Es ging zunächst über grasige Hänge, durch dichten Busch steil den Berg hinan. An zwei Dörfern kamen wir noch vorbei, welche alle dasselbe Bild boten wie unser Dorf Dubrava. Alle Häuser standen abseits des Weges, eingeschlossen durch dichte Hecken. In den Gärten standen schöne Obstbäume.
Weiter oben hatten wir an einer tiefen Schlucht entlang zu wandern, bis wir nach etwa 1½ Stunden an den Rand eines Eichenwaldes kamen, der zuerst aus Buschwerk bestand, allmählich, je tiefer wir in ein Tal hineinkamen, immer mehr zum Hochwald wurde. Das ganze Tal wurde immer dichter vom Eichenwald erfüllt.
Wir Jäger wurden an das obere Ende des Tales verwiesen; die Albaner sollten an beiden Seiten am Hang durch den Hochwald treiben, und man versicherte uns, die Sauen würden schußgerecht bei uns herauskommen. Der fürchterliche Lärm, mit dem die Menschenmenge in den Wald eingezogen war und den sie drinnen ungemindert fortsetzte, die große Schießerei, die alsbald ohne jeden Grund losging, und das sinnlose Ansetzen der Schützen überzeugten mich, daß bei dieser Jagd nichts herauskommen konnte.
So beschloß ich denn, mich in der Umgebung meines Standplatzes genau umzusehen. Ich war in einer durch Holztrieb entstandenen Lichtung des Eichenwaldes postiert. Auf dem laubbedeckten Boden lagen einzelne gefällte Stämme, rings umher standen noch prachtvolle alte Baumriesen. Am Himmel zogen große Wolken und ließen dann und wann einen blauen Flecken klar werden. Damit wurden auch die roten Buchenwälder der höheren Region und über ihnen die Schneeflächen der Matten zeitweise sichtbar. In der Hauptsache blieb es aber ein trüber Tag.
Es dauerte gut zwei Stunden, bis die übrige Jagdgesellschaft und die Treiber herankamen. Trotzdem erlosch das Getöse in den Tälern nicht. Waren je Wildschweine im Gebiet, sie hatten sich sicher längst in stillere, verborgenere Gegenden zurückgezogen. Soviel ich suchte, ich fand keine Spuren, keine Losung, keine Andeutung, daß je Wildschweine hier gehaust hatten. Kein Tier irgendeiner Art brach durch den Wald. Außer dem Lärm, den die Menschen machten, herrschte tiefste Stille. Es hätten weihevolle Stunden sein können, in dieser stillen, winterlichen Einsamkeit des Bergwaldes.
Ein wenig genoß ich davon, als ich bis zum Schneerand anstieg und mich dort ruhig eine Zeitlang hinsetzte. Kein Tier regte sich im Gebiet, kaum ein Vogel flog vorbei, nur ein Specht trommelte in der Ferne. Ich wälzte Steine, löste Rinden von alten Bäumen. So fand ich Hackstellen des Spechtes; unter einem losgelösten Rindenstück fand ich etwa 50 schwarzrot gefleckte Blattwanzen im Winterquartier. Ähnlich fand ich solche Wanzen auch an anderen Stellen in Mazedonien. Es sind dies Aradiden, Rindenwanzen, deren geselliges Leben und gemeinnütziges Überwintern auch sonstwo beobachtet ist. Unter Steinen fand ich eine Anzahl Spinnen. Es waren junge Exemplare einer Wolfsspinne (Lycosa sp.).
Sonst war es hier oben in einer Höhe zwischen 1200-1500 m noch ohne jedes Tierleben. Ich genoß die schöne frische Luft und meine Einsamkeit und war froh, als die Jagdgesellschaft enttäuscht sich wieder versammelte und den Rückmarsch zu unserem Gastfreund nach Dubrava antrat.
Da unten erwartete mich Besseres; denn schon beim Aufstieg hatte ich bemerkt, daß weiter unten das Vogelleben des Frühlings schon seinen munteren Anfang genommen hatte. Am Rande des Waldes, wo dieser in die Kulturlandschaft überging, da tönten schon die Lockrufe und der Gesang von vielen Vögeln. Überall huschte es in den Kronen, kletterte es auf den Stämmen. Auf den hohen Eichen sah man Baumläufer sich verfolgen (Certhia familiaris familiaris L.), zahlreich waren die Kleiber (Sitta europaea caesia Wolf), auch schon Männchen und Weibchen gepaart. Sehr zahlreich waren die Trauermeisen (Parus lugubris lugubris Temm.), die auf den hohen Bäumen am Waldrand lärmten. Dort waren auch kleine Flüge der Nonnenmeise (Parus communis fruticeti Wallengr.). Und überall trieben sich in großen Mengen Schwanzmeisen (Aegithalos caudatus macedonicus Dress.) umher.