Ging man aus dem Wald heraus, so kam man auf eine Wiese, auf der sich Obstbäume, vor allem Apfelbäume mit dicken Knospen erhoben. Die Wiese war vom Schmelzwasser des Schnees sehr naß und noch dürr und braun. Trotzdem war in den Bäumen ein Lärmen und Singen im Gange, daß man den ganzen Frühling im Herzen spürte. Amseln und Drosseln freuten sich da ihres Lebens und waren zum Teil schon beim Nesterbauen. Sehr drängte sich mit ihrer schallenden Stimme die Balkanamsel vor (Turdus merula aterrima Mad.), in zahlreichen Paaren war die Misteldrossel vertreten (Turdus viscivorus viscivorus L.). Und fast ebenso zahlreich waren die Pärchen der Ringdrossel (Turdus torquatus alpestris Bg.). Auf dem Heimweg am nächsten Morgen war die Vogelwelt nicht weniger lebhaft. Zwischen den Meisen unten im Tal, in den Büschen erregte meine besondere Freude ein ganzer Flug von Gimpeln. Mit ihrem silbergrauen Rücken, ihrem roten Brüstchen, ihrem dunkelen Schnabel machten sie einen sehr feinen Eindruck. Wer hätte gedacht, daß wenige Tage darauf tiefer Schnee das Land wieder bedeckte, und all den Vögeln da oben die Lenzesfreude bös versalzen war.
Höchst feierlich war unser Abschied von den albanischen Gastfreunden. Sie begleiteten uns zu ihrem Haus hinaus, schüttelten uns die Hände und unser Oberarzt, sowie ich, offenbar für den Alten die Angesehensten der Gesellschaft, wurden von ihm mit dem albanischen Kuß, dem Aneinanderlegen der Wangen, verabschiedet. Flott liefen unsere Pferdchen den Berg hinunter. Nachmittags bestiegen wir in Kazanik den Zug, der uns abends wieder nach Üsküb ins Standquartier brachte. Ich war zufrieden, diesen Blick ins intime Leben der Albaner getan zu haben.
Während dieser Tage waren wir mit keiner Frau zusammengekommen. Zwei verschleierte Wesen waren in Kazanik vor uns geflohen. Im Haus unserer Gastfreunde hatten wir, obwohl sie im anderen Teil des Hauses wohnten, von Frauen nichts gesehen noch gehört.
DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
DER WODNO, DIE TRESKASCHLUCHT UND DAS KLOSTER MARKOVA
Schon an einem der ersten Tage, die ich in Üsküb weilte, Mitte Mai 1917, hatte ich einen Spaziergang auf den 1000 m hohen Berg, der sich südlich der Stadt erhebt, auf den Wodno unternommen. Damals schon konnte ich in den wenigen Stunden eine Anzahl interessanter Beobachtungen machen.
Am Fuß des Berges liegt der slavische Friedhof. Alle diese mazedonischen Gräberstätten machen auf uns Deutsche einen ungeordneten und vernachlässigten Eindruck. Die Gräber liegen kreuz und quer durcheinander; sie bestehen aus kastenförmig zusammengesetzten Steinplatten, sind meist ohne Inschriften, unregelmäßig gebaut, oft etwas zerfallen. Dazwischen wachsen regellos Gras und Kräuter und allerhand Büsche. Hier in Üsküb beschatteten stattliche Bäume die Gräber. Die Umgebung war nicht reinlich gehalten und gar im Sommer, wenn die Pflanzen verdorrt und Gräber und Bäume verstaubt waren, machte die Stätte einen unfreundlichen und unfriedlichen Eindruck.
Das Seltsamste sind aber die Besucher des Friedhofs. Sie machen ihren Toten regelrechte Besuche. In Feiertagsgewändern, hier am Rand der Stadt, teils städtisch, teils ländlich gekleidet, kommen sie mit Körben und Paketen voll Eßwaren zum Friedhof heraus. Auf den Grabstätten lagern sie, packen ihre Sachen aus und es beginnt eine allgemeine Speisung. Für den Toten wird sein Anteil auf sein Grab gelegt. Dabei geht alles ganz behaglich zu, als mache man bei einem Lebendigen seinen Besuch. Man hat den Eindruck, als weckten die Leute alte Erinnerungen an den Toten bei solcher Gelegenheit so sehr auf, daß sie sich vorstellen, er weile in ihrer Gegenwart. Selten, wenn der Tote erst seit kurzem im Grabe liegt, ertönen Klagen. Gebete werden stets gesprochen. Bei Beerdigungen ist der Pope dabei, es wird allerlei Pomp entfaltet und Gesänge von weicher, melancholischer Art, auch laute Klagen erschallen dann.
Hinter dem Friedhof geht es steil auf Saumpfaden und engen Steigen den Berg hinan. Wie oft bin ich auf diesem Berg herumgestreift und was gab es da alles zu beobachten und zu bewundern.
Der Wodno ist ähnlich wie die Plaguša Planina das Musterbeispiel eines mazedonischen Gebirges von etwa 1000 m Höhe. Charakteristische Unterschiede bringen hier die etwas nördlichere Lage und der größere Quellenreichtum mit sich. Außerdem ist der Gesteinsuntergrund ein abweichender. Im unteren Teil liegen Alluvionen des Wardar, darüber Marmor, Kalk und Schiefer. An seinen Abhängen sind drei deutliche Terrassen erkennbar.