Damit ist der Reichtum bei weitem nicht erschöpft; denn in den Hainen oben bei Neresi flogen der Nußhäher (Garrulus glandarius L.) und Spechtarten (Picus viridis Dofleini Stres.). Die Würger waren häufig, in den kahlen oberen Zonen gab es Heidelerchen (Lullula arborea flavescens Elenka), auch Feldlerchen (Alauda arvensis cantarella Bp.) und selbst Haubenlerchen kamen ganz oben vor.

Daß Raubvögel, Adler, Geier, Bussarde, Falken und all die Krähenvögel auch auf dem Berg nicht fehlten, braucht kaum erwähnt zu werden.

So ist es verständlich, daß mir als Naturforscher und Zoologen der Wodno in guter Erinnerung geblieben ist. Aber wie auch sonst die Gegend von Üsküb, so bot er auch in seinen Dörfern manche Gelegenheit zu Studien über Kultur und Lebensweise der Mazedonier. Davon soll das nächste Kapitel einiges berichten.

VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL

NERESI

(ÜBER DIE KIRCHEN, KLÖSTER UND FESTE DER MAZEDONIER)

Die Erinnerung an einen heißen, bunten Tag steht klar vor meinem Gedächtnis und mit ihm verknüpft sind manche andere Erfahrungen, die ich bei den slavischen Mazedoniern über ihr Volkstum und ihren Zusammenhang mit der Geschichte des Landes machen durfte. Den Tag, der in mir zuerst ein starkes Interesse für die Menschen, welche Mazedonien bewohnen, weckte, den durfte ich im Klosterhof von Neresi, angesichts seiner altehrwürdigen malerischen Kirche verleben, wenige Wochen nach meiner Ankunft in Mazedonien.

Hoch oben am Wodno, in etwa 800 m Höhe, liegt, einer Schlucht angeschmiegt, das Dorf Neresi. Seine Häuser sind von Obstbäumen umgeben, Weinlauben überdachen die Höfe. Die Schlucht ist mit Pappeln, Ulmen, Erlen und allerhand Gesträuch bestanden. Oberhalb des Dorfs steigen steile Hänge zur Gipfelregion des Wodno hinan. Auf ihnen breiten sich grasbedeckte Weiden aus, unterbrochen von stattlichen Baumgruppen. Letztere bestehen meist aus mächtigen Edelkastanien. Die braunen Stämme, die gerundeten, tiefschattenden Kronen der prachtvollen Bäume rahmen in reizvollster Weise das liebliche Dorf mit seiner malerischen Kirche ein, über welche hinaus ein weiter Blick ins Wardartal und auf den jenseits gelegenen blau schimmernden Karadakh sich öffnet.

Nur einmal außer hier bei Neresi habe ich in Mazedonien Edelkastanien angetroffen, worauf ich früher schon einmal hinwies. Es war dies bei Kalkandelen, hoch im Tal der Sarska, etwa in der gleichen Meereshöhe von etwa 800 m, in der auch der Hain bei Neresi liegt. Es war windstill, als ich in den kühlen Schatten des Hains von Neresi eintrat; hier war gut ausruhen vom heißen Anstieg. Das Schweigen im Walde wurde nur von einem tiefen, dröhnenden Ton unterbrochen, der aus der Krone einer uralten Kastanie zu mir herabdrang. Wie Orgelklang brauste es da oben und als ich genauer hinsah, bemerkte ich Hunderte von Bienen, welche ein Astloch umschwärmten. Ein großes Bienenvolk hauste in einer Höhle in dem mächtigen Baum; irgendein Ereignis mochte es erschreckt haben und das erregte Summen der Tausende von Insassen des Nestes fand an den dünnen Wänden des alten Stammes eine gute Resonanz.

Bei der primitiven Bienenzucht, die in Mazedonien betrieben wird, kommt es nicht selten zum Verwildern von Schwärmen der Honigbienen, welche in Höhlen oder Baumlöchern sich ansiedeln und da das freie Dasein führen, welches das ursprüngliche Bienenleben darstellte.