Abb. 173. Blick auf Kloster und Dorf Neresi aus dem Edelkastanienhain.
Bei meinen Wodnowanderungen kam ich fast stets nach Neresi oder doch in die Nachbarschaft des Dorfs. So entstand im Frühling, als die Apfelbäume blühten, das Bild, welches die Titeltafel dieses Buches darstellt. Der Tag, dessen Eindrücke ich heute schildern will, war ein heißer Augusttag im Jahre 1917. Während der Vorbereitungen zur Schardakhexpedition unternahm ich die Wanderung in Begleitung des deutschen Verbindungsoffiziers, Hauptmann Lessing, da ich gehört hatte, daß oben in Neresi an diesem Tag ein Heiligenfest gefeiert werde.
Es war mittags um 2 Uhr, als wir aufbrachen und der schattenlose Anstieg von etwa 2 Stunden Dauer war an dem heißen Sommertag sehr ermüdend. Die Hänge des Wodno unten und in den mittleren Höhen waren dürr und vegetationslos, die Büsche am Rand des Pfades verstaubt und doch war der Landschaft nicht jeder Reiz genommen. Noch sah man zahlreiche Ameisen an der Arbeit, Schmetterlinge schwebten in der heißen Luft, Eidechsen saßen still auf den Felsen.
Abb. 174. Mazedonische Bauernfamilie auf der Rückkehr vom Klosterfest in Neresi.
Das Interessanteste waren aber die Menschen, welche die Straße herabkamen. Sie kehrten schon vom Fest zurück, alle in ihren schönen bunten Feiertagskleidern, Männer, Frauen, junge Mädchen und Kinder in größeren und kleineren Gruppen. Wir fürchteten schon, wir könnten zum Fest zu spät kommen. Das verriet aber unsere Unerfahrenheit mit den Gewohnheiten der mazedonischen Bauern; wir unterschätzten ihre Ausdauer bei den Tanzfesten.
Als wir in Neresi ankamen, waren die Gassen noch von geputzten Menschen erfüllt, die sich zum Teil zur Heimkehr bereit machten. Meist sah man je eine Familie eine Gruppe bilden, Mann und Frau, dabei die Kinder verschiedenen Alters und Wachstums, dazu manchmal Schwestern und Brüder von Mann und Frau. Oft wurden Trag- und Reittiere mitgeführt. Da zeigte sich stets das charakteristische Bild, daß, wenn nur ein Esel oder Pferdchen dabei war, der Mann, mochte er auch jung und kräftig sein, auf dem Tier saß, während Frauen und Kinder nebenher trotteten.
Ab und auf durch eine Schlucht gelangten wir in den weiten Klosterhof; heute stand das Tor weit offen und der eingehegte Raum war noch von einer großen Schar Menschen erfüllt. In einer Ecke bei der Kirche ertönte die Tanzmusik. Wir kamen also nicht zu spät.