Abb. 175. Die Laube vor der Kirche von Neresi.

Das Kloster Neresi ist ein ziemlich kleines Anwesen. Wie gewöhnlich steht an der einen Seite des Klosterhofs die Kirche und wendet ihm ihren Haupteingang zu. Eine Anzahl schattenspendende Bäume stehen um die Kirche herum. Letztere ist eine typische Anlage, ein Mittelturm von vier Ecktürmen umgeben, das Ganze aus Hausteinen mit eingeschaltenen schmalen Bändern roter Ziegel gebaut. Die Dächer der kuppelartigen Türme bestehen aus schweren Hohlziegeln und bilden flache achtseitige Pyramiden.

Um den Hof stehen aus Holz und Steinen gebaute Häuser mit großen, luftigen Holzgalerien. Solche geräumigen Häuser sind ein wesentlicher Bestandteil der mazedonischen, überhaupt der Balkanklöster und haben eine von deren wichtigsten Aufgaben zu erfüllen. Sie dienen als Massenquartiere für die Besucher der Klöster, welche dort in großer Menge zusammen kommen. Sie sind oft weit hergekommen und bleiben nicht selten tagelang im Kloster, um dort die Heiligenfeste zu feiern. Wie es in anderen christlichen Ländern nicht anders ist, sind die kirchlichen Feiern mit Volksfesten verknüpft.

Zu diesen strömt die Bevölkerung der ganzen Umgegend zusammen und oft haben die Wallfahrer tagelange Reisen zurückgelegt, um rechtzeitig das meist hochgelegene Kloster zu erreichen. Dort finden sie ein Dach, das sie deckt, einen meist hölzernen Boden, auf dem sie ihre mitgebrachten Decken ausbreiten und schlafen können. Kochstellen sind vorhanden, wo sie die auch mitgebrachte Nahrung zubereiten dürfen. Doch werden alle Gäste meist freigiebig von den Mönchen bewirtet. Dazu dient das auf Stiftungen beruhende Vermögen der Klöster; denn die wenigen jeweils in einem Kloster hausenden Mönche verbrauchen selbst nicht viel.

So sind die Häuser bei den Festen von zahlreichen Quartiergästen angefüllt, meist hat jede Familie ihr Plätzchen für sich und es entwickelt sich ein munteres Leben in den Hallen und Galerien, die sonst oft wochen- und monatelang leer stehen mögen. In gefeierten Klöstern versammeln sich oft solche Massen von Besuchern, Familien mit Weibern und Kindern, daß die Behausungen nicht ausreichen für die Fülle, und oft Hunderte oder gar Tausende im Freien, innerhalb der Klostermauern oder in der Umgebung lagern müssen.

So sind die mazedonischen Klöster stets gastliche Stätten, wo auch der Fremdling beherbergt wird und ich habe manche freundliche Erinnerung an solche mitgenommen. Von den Mönchen wurde man oft sehr gut bewirtet und manch guten Tropfen Wein habe ich bei ihnen genossen.

In der grellen Sonne bewegte sich im Klosterhof von Neresi eine bunte Menge von Männern, Frauen und Kindern. Alle hatten ihre Köpfe in irgendeiner Weise vor den Strahlen der Sonne geschützt. Auch wenn sie die dort üblichen flachen runden, oft schön gestickten Mützen trugen, hatten selbst die Männer meist weiße, auch farbige und bunt gewebte Tücher um den Kopf geschlungen. Nur wenige hatten Strohhüte oder Militärmützen aufgesetzt. Alle Frauen hatten große weiße Tücher um Kopf und Nacken gelegt, welche durch ein über Scheitel und Ohr gelegtes, um den Hals geschlungenes buntes, meist gesticktes breites Band festgehalten wurde. Unter dies hatten sie Blumen gesteckt.

Abb. 176. Gruppe nach dem Tanz in Neresi.

Alle hatten sie weiße Hemden mit weit offenen Ärmeln und schön gesticktem, über die Handgelenke fallenden Saum an. Bei manchen waren die Ärmel eng geschlossen durch ein breites Band mit feiner Stickerei. Der Hals war frei, doch durch das Kopftuch mit bedeckt. An der Brust schaute das blütenweiße Hemd aus einem tiefen, viereckigen Ausschnitt der kurzen, ärmellosen Weste heraus. Über die Brust schlangen sich Halsketten aus Silber, bunten Steinen, emaillierten Plättchen hergestellt mit allerlei Anhängseln. Allen Mädchen und jungen Frauen hingen unter dem Kopftuch zwei oder mehr lange, eng geflochtene Zöpfe den Rücken herab und reichten meist über das Knie hinaus. Oft waren bunte Seidenschnüre oder Bänder hineingeflochten, um vor allem das Hinterende zu verstärken ([Abb. 177]). Das Handgelenk trug silberne oder sonstwie kostbare Armringe.