Die Rhythmen erscheinen unserem Ohr etwas absonderlich, aber sie schmeicheln sich ein, vor allem, wenn man mit den Augen den Bewegungen der Tänzer folgt. Bei vielen Tänzen bedingt der Tanzrhythmus ein Fortschreiten der Tänzer in einer Richtung; denn bei solchen werden mehr Schritte in einer Richtung als in der anderen ausgeführt.

Abb. 179. Frauenkreis beim Tanz in Neresi.

So werden bei einem Tanz drei Schritte nach rechts gemacht, worauf zwei Schritte nach links folgen; bei einem anderen Tanz folgen sich 5 und 3 Schritte. Die Verschiedenheiten der Rhythmen sind sehr zahlreich.

Jeder Tänzer reicht seinem Nachbarn die Hand; so werden Ketten gebildet, welche sich aber nicht zu Kreisen schließen, wenn auch meist die Tänzer einer Kette sich im Kreis anordnen. Meist wird je eine Kette von Männern und eine von Mädchen und Frauen gebildet. Das war bei den Tänzen, welchen ich damals in Neresi zusah, stets der Fall. Bald bildeten die Frauen den inneren und die Männer den äußeren Kreis, bald kam es zur umgekehrten Reihenfolge. An anderen Orten sah ich auch gelegentlich Ketten aus Männern und Frauen gleichzeitig gebildet.

Ein Vortänzer leitet den ganzen Tanz. Oft findet sich in der Männerkette ein männlicher Vortänzer, in der Frauenkette eine Vortänzerin. Meist ist der Vortänzer der vorderste in der Kette, er führt beim Tanz und gibt das Tempo an. Er kann dabei auch an der zweiten oder dritten Stelle eingereiht sein, läßt auch einmal los und greift an irgendeiner Stelle ein, wo es mit Tempo und Rhythmus hapert.

In der Kette pflegen die besten Tänzer vorn dem Vortänzer sich anzuschließen und die geringsten und ungeschicktesten den Abschluß zu bilden. Das ist oft auch eine Reihenfolge des Alters; denn am Schluß findet sich meist die Jugend. Auch Kinder pflegen bei nicht ganz feierlichen Gelegenheiten am Reigen teilzunehmen und wenn es genug sind, eine besondere Kette zu bilden.

Das Tempo des Tanzes pflegt anfangs mäßig, sogar langsam zu sein. Das hängt natürlich vom besonderen Tanz ab. Während des Tanzes wird durch den Vortänzer das Tempo allmählich beschleunigt, bis es allmählich zu rasender Bewegung der Füße und Drehung des ganzen Kreises führt. Es bietet ein eigenartiges Bild, wenn der Kreis der Männer und derjenige der Frauen sich in gleichem Tempo ineinander bewegen, wobei der Rhythmus jeden einzelnen Körper bewegt und über die ganze Kette sich fortpflanzt.

Manchmal wird die Schnelligkeit zur Raserei, wobei die Menschen sich erschöpfen; der Vortänzer gibt ein schnelleres und immer schnelleres Tempo an, dem die Musik genau folgt. Sind die Tänzer ermüdet, d. h. gibt der Vortänzer dies zu, so wird eine Pause gemacht. Die Kette löst sich auf, die einzelnen stehen schwitzend und stark atmend umher und ruhen sich aus. Sie setzen sich auch nieder und nehmen Erfrischungen zu sich.

Damals in Neresi setzte sich der Tanz stundenlang fort; die Leute waren unermüdlich und zeigten, Frauen wie Männer, dabei eine erstaunliche körperliche Leistungsfähigkeit. Man hatte durchaus den Eindruck, daß sie allmählich in einen gewissen Rausch gerieten. Dabei überschritt die Leidenschaft in keinem Fall, dem ich beiwohnte, einen mäßigen Grad; der Tanz blieb stets dezent und in der Ausführung gemessen.