Abb. 191. Golesniza Planina im April, gesehen vom Wodno (Gipfelregion).

So war es denn eine stattliche Karawane, die sich zum Abmarsch auf einem kleinen Platz in Üsküb ansammelte, wo sie feierlich von General von Scholtz und den Herren seines Stabes verabschiedet wurde. Etwa 30 Pferde und Lasttiere wirbelten den Staub der Straße auf, als wir stolz abrückten.

An der Expedition nahmen von deutschen Gelehrten außer mir zwei der Mitglieder der mazedonischen landeskundlichen Kommission teil: der Botaniker Prof. Bornmüller aus Weimar und der Geologe Dr. Gripp aus Hamburg. Mich begleitete ein ganzer Stab von Zoologen und technischen Hilfskräften, Prof. Müller, Dr. Nachtsheim, die Präparatoren Aigner und Rangnow und mein getreuer Johann Maier. Auch die anderen Forscher hatten ihre Gehilfen bei sich.

Der Marsch ging nun um den östlichen Sattel des Wodno herum auf dessen Südseite. Ein mehrstündiger Ritt führte uns gegen Abend zum Kloster Markovo, das ich bei den Vorexpeditionen als geeigneten Ausgangspunkt für die Gebirgsexpedition gewählt hatte. Über das Kloster und seine Umgebung finden sich Angaben im 23. Kapitel ([S. 347]). (Vgl. dort auch [Abb. 170] u. [171].)

Bei dämmerndem Morgen brachen wir am 17. Juni 1918 auf, durchritten das obere Markovatal und erreichten um Mittag das kleine türkische Dörfchen Crnvrj, das mir von einer Vorexpedition her schon bekannt war. Unterwegs hatten wir schon gewisse Schwierigkeiten mit unserer Lasttierkarawane, deren Lasten zum Teil schlecht gepackt waren und in dem steilen Gelände abrutschten. Wir sammelten dabei Erfahrungen mit unseren Leuten, die sich für später als sehr wichtig erwiesen.

In Crnvrj rasteten wir im Garten des mir schon bekannten Hodscha vor dem schweren steilen Anstieg und bereiteten unser erstes Mittagsmahl. Bald brachen wir aber auf, denn wir hatten keine Zeit zu verlieren, wenn wir am Abend einen geeigneten Lagerplatz in anständiger Meereshöhe erreichen wollten.

Es ging zunächst das Bachtal hinauf, in der Hauptrichtung südwärts, bald aber begann das Klettern am östlichen Talrand empor zu dem uns winkenden hochstämmigen Tannenwald. Der Weg, ein offenbar von Hirten benützter Pfad, war so steil, daß wir oft von unseren Pferden absteigen mußten, um sie zu führen. Es wollte viel heißen, daß sogar unsere Bulgaren stellenweise den Sattel verließen.

Während wir beim Anmarsch meist durch Buschwerk und niederen Buchenwald gekommen waren, brachte uns der Anstieg bald in stattliche Bestände von Tannen (Abies alba Will.). Es waren schöne Edeltannen, welche an der gegenüberliegenden Talseite einen geschlossenen, dichten Wald bildeten. An unserer Seite wechselten dichte Bestände mit lichten Hainen und größeren Waldwiesen. Man hatte vollkommen den Eindruck eines deutschen Waldes, eines Gebirgswaldes mit seinen stattlichen Edeltannen und ihren weißlich schimmernden Stämmen. Zwischen den Tannen wuchsen, besonders an den Waldwiesenrändern, allerhand Laubbäume. Es war eigenartig, hier im fremden Land Buchen, Birken, Zitterpappeln und Eichen neben den Tannen emporragen zu sehen, alle noch im frischen Grün des Frühsommers.

Ein wundervoller Anblick bot sich aber dar, als wir in etwa 1200 m Höhe an große Waldwiesen kamen, welche von hohen lilienartigen Gewächsen bestanden waren. Vor einer solchen Wiese stand ich lange Zeit, ergriffen von der Schönheit; mein Pferd legte mir seinen Kopf über die Schulter und stand leise schnaubend ebenso still wie ich.

Jenseits der Wiese erhob sich ein Wald von stolzen Tannen, in tiefem Schatten wie eine hohe dunkle Wand den offenen Raum abgrenzend. Zwischen den Tannenwipfeln sichtbar und hoch über ihnen hinaufragend lagen die Berghänge der anderen Talseite; graue Felsen mit Waldflecken und Matten dazwischen waren von goldenem Sonnenschein übergossen. Nur das ferne Rauschen des Talbaches verriet die Tiefe der Schlucht, die hinter den Tannen lag und deren Wände wir heraufgeklettert waren. Vor der dunklen Wand des Waldes breitete sich leuchtend vom Sonnenglanz die hellgrüne Wiese aus, bedeckt von hunderten von Lilien, den Asphodelos mit ihren schlanken Blütenständen. Sie weckten klassische Erinnerungen an alte Griechen, die auf der Asphodelos-Wiese die Schatten ihrer Freunde erwarteten. Man mußte sich daran erinnern, daß man nicht weit vom Land der Griechen war, dem der Deutsche so viel von seiner Seele geschenkt hat. Es war Asphodelus albus Willd. ([Abb. 192], [S. 384]).