Ein leiser Wind wehte über die goldglänzende Wiese; die Lilien schwankten zart und weiß über dem wogenden Gras. Kühlung umwehte mich und gab Mut für den steilen weiteren Anstieg. Der Bach, der in der Tiefe rauschte, war der gleiche, dessen Tal wir vom Kloster Markova an verfolgt hatten. Seine Quellen entflossen einem weiten Bergzirkus, der vor uns manchmal offen lag, während wir an seiner Ostwand emporklommen. Dieser Quellbezirk enthält keine Seen, wie Östreich und der serbische Forscher Cvijié annahmen, welche die Markova Reka, den Talbach, als Ausfluß der Seen betrachteten. Wir konnten uns überzeugen, daß im Quellgebiet der Markova Reka keine Seen lagen, was uns auch die Aussagen der Bevölkerung vorausgesagt hatten.

Abb. 192. Lilien im Tannenwald (Asphodelos albus Will. Abies alba Will.). Anstieg zum Pepelakkar.

Nach etwa einer Stunde Rittes durch den Tannenwald gelangte unsere Karawane auf eine ausgedehnte Berghalde, in welcher der Wald immer mehr von hochgrasigen Wiesen unterbrochen wurde. Nun tauchte vor uns, noch hoch über dem Wald, das Schneefeld des Pepelak auf, das uns schon den ganzen Tag die Marschrichtung angab. Denn unterhalb dieses auffallenden Schneebandes dachte ich unser erstes Lager zu schlagen.

Als wir den Bergsattel erreicht hatten, kamen wir durch eine offenere Landschaft, in der Matten mit Gebüschen und kleineren Baumgruppen abwechselten. Mächtige Felsblöcke, vielfach von phantastischen Formen, lagen auf den Halden umher, oft von einem kleinen Hain überschattet.

Das Gestein bestand aus Gneis. Wir waren auf dem Sattel zwischen dem Tal der Markova Reka und dem eines südlichen Bachlaufes. So steil und hoch der von uns erstiegene Talrand gewesen war, so sanft war der Übergang von diesem Paß zu dem weit weniger tiefen Tal des südlich fließenden Baches. Wir hatten mit dem Paß eine Höhe von 1600 m erreicht.

Vor uns sahen wir noch einen letzten Waldstreifen, einen stattlichen Buchenwald, darüber tauchte eine Mattenregion auf, die über Hügel und Buckel bergan zog, in das Felsengebiet hinein, das sich daran anschloß. Unter dem Wald floß ein munterer Bach talwärts, der viel Geröll mit sich führte. Der Wald mußte noch durchstiegen werden, ehe ich meinen von dem scharfen Marsch in der glühenden Hitze ermatteten Leuten eine Ruhepause gönnen durfte. Die meisten waren sehr erschöpft und lagerten sich alsbald am oberen Rand des Waldes, um auszuruhen. Die Pferde wurden abgesattelt, nur die Lasttiere mußten mit ihrem Gepäck weiden; denn lange sollte die Rast nicht dauern.

Unterdessen war ein interessanter Fund gemacht worden. Bisher hatten wir ja in der Hauptsache schon bekanntes Gelände durchwandert und in der für mich neuen Zone des Tannenwaldes war die Sorge um unsere Tragtiere mit ihren kostbaren Lasten, die Arbeit des Steigens und die große Hitze naturwissenschaftlichen Beobachtungen hinderlich gewesen.

Zwei unserer Nachzügler hatten eine Giftschlange erbeutet, die sehr unserer Kreuzotter ähnlich war und tatsächlich stellte sie sich als eine solche heraus. Damals wurde sie zunächst für Vipera macrops Mih. gehalten, jene Form, welche wir auf der Kobeliza gefunden hatten. Bei genauer Untersuchung in der Heimat wurde nachgewiesen, daß es sich doch um eine echte, wenn auch etwas abweichende Kreuzotter (Vipera berus L.) handelt, die auch sonst in den Gebirgen des Balkan gefunden wurde.

Während meine Leute am Waldrand rasteten, ritt ich am Bach entlang bergauf, um einen Lagerplatz zu suchen. Er sollte möglichst hoch liegen, um die Bergbesteigungen abzukürzen, sollte aber nahe am Bach sein, Weide darbieten und womöglich Brennholz liefern. Obwohl ich und mein Pferd schon recht müde waren, suchte ich das Ziel bald zu erreichen, da wir doch vor Sonnenuntergang unsere Zelte aufschlagen sollten. Es war ein merkwürdig welliges Gebiet, das sich zu beiden Seiten des Baches hinzog; ich mußte beständig auf Hügel hinauf und in Falten hinunter reiten, um allmählich in die Höhe zu gelangen. Überall waren üppige Wiesenmatten, vielfach sumpfiger Boden; nirgends fand sich ein trockener Lagerplatz nahe dem Bach. Holzige Gewächse fehlten vollkommen. So kam ich schließlich in die Felsenlandschaft hinein; das Tal verengerte sich und fand seinen Abschluß in einem grandiosen Felsenzirkus, dessen obere Randeinfassung jenes Schneeband darstellte, dem ich zustrebte. Vor ihm vermutete ich die zwei kleinen Seen, welche auf den Karten ohne Namen angegeben waren. Ich hatte vor, zunächst diese zu erforschen und wollte daher mit dem ersten Lager möglichst nahe an sie heran.