So waren denn die Annahmen Östreichs, der schon vor 20 Jahren Spuren einer einstmaligen stärkeren Vereisung erwähnt hatte, bestätigt. In den nächsten Tagen sollten wir viel großartigere Eiszeitspuren auffinden.
Beide Seen sind miteinander durch einige Rinnsale verbunden, der nördliche liegt ein klein wenig höher als der südliche, so daß das Wasser von ersterem zu letzterem abfließt. Aus dem südlichen See fließt der Bach ab, an dem wir unser Lager aufgeschlagen hatten, und an welchem ich am Abend des vorigen Tages entlang geritten war. Er hatte also nichts mit dem Markovabach zu tun. Er heißt bei den Bewohnern des Gebirges Jezero Reka, also Seebach und mündet bei Aldince in die Kadina Reka, welche selbst ein Nebenflüßchen des Wardar ist.
Abb. 194. Pepelakseen, vom Schneeband aus gesehen.
Als ich von den Seen zum Lager wieder abstieg, kam ich zwischen den Wasserfällen in ein Gebiet, welches von einer wundervollen Fülle von Alpenpflanzen überwachsen war. Zwischen den Steinen drängten sich üppige Büsche der Alpenrose, deren rote Blüten sich von den Steinen und dem dunklen Laub reizvoll abhoben (Rhododendron myrtifolium Schott und Kotchy). Die schönen Sterne der Anemone narcissiflora und nemoralis L. wetteiferten mit dem Ranunculus nivalis und den grellen Geum-Arten (montanum L., molle V. B. und coccineum F.). Veilchen (Viola Griesebachiana Vis) standen neben Pedicularis limnogena, dazu kamen Primeln (Primula intricata), ein roter Steinbrech neben weißen und prachtvollen großen Enzianen (Gentiana cruciata L.). Kleine Büsche von Salix polaris, einer Zwergweide, wuchsen dicht am Wasser. An den moosigen Stellen sah man die feinen Glöckchen einer Soldanelle (S. pindicola Hauskn). Wo der Boden etwas moorig wurde, sproßte ein charakteristisches Sumpfmoos, eine Sphagnum-Art, welche Gattung damit zum erstenmal auf dem Balkan nachgewiesen wurde. Etwas weiter bergab, vor allem an den Waldrändern, stand in voller Farbenpracht in großen Mengen eine schöne, leuchtend gelbe Akelei (Aquilegia aurea Janka). Neben den Alpenrosen wuchs der Türkenbund in großen, blühenden Büschen (Lilium martagon L.).
Am selben Tag wurde noch ein Erkundungsmarsch auf den Kamm des Pepelak unternommen, über dessen drei Gipfel und auf die Hochfläche fortgesetzt, die sich südlich des Kammes hinzog, um einen Plan für die Fortsetzung der Expedition gleich ins Auge fassen zu können. Schon beim Anmarsch waren die drei dunklen Spitzen über dem weiß leuchtenden Schneefeld als charakteristisches Merkmal des Pepelak erschienen. Beim Anstieg sah man nun, daß ein südlicher Gipfel näher am mittleren lag, während der nördliche in größerer Entfernung einsam aufragte. Ich kletterte die Felsen hinauf und umging das Schneeband im Süden. So kam ich zuerst auf den südlichen Pepelakgipfel. An seinem steinigen Abhang fand sich wieder eine artenreiche alpine Flora. Wenn der Wind ruhte, so summten um die farbenprächtigen Blumen allerhand Insekten, darunter zahlreiche Hummeln. Zwischen ihnen schwirrten Exemplare eines dem Taubenschwanz ähnlichen Schmetterlings (Hemaris scabiosae). Kleine dunkle Motten flogen vor unseren Tritten auf, um sich schnell wieder zu setzen. Unter den Steinen waren zahlreiche Käfer zu finden.
BLICK ÜBER PEPELAK SÜD ZUR BEGOVA UND SOLUNSKA.
Als wir am Gipfel in warmer Sonne saßen, umschwärmten uns zahlreiche Tagschmetterlinge, vorwiegend die gewöhnlichen Vanessa-Arten, die bei dem starken Wind sehr schwer zu fangen waren. Es war die übliche Gipfelversammlung, die wir schon öfter erwähnt haben.
Während wir die Fernblicke genossen und uns in der Gegend orientierten, wurden die Instrumente abgelesen und die notwendigen Aufnahmen gemacht. Wir bestimmten die Höhe des südlichen Pepelakgipfels auf 2290 m.