Vor uns lag ein wundervolles Gebirgsbild. Zu unseren Füßen fielen die Felsen steil ab zu den Matten, kleine Schneefelder waren überall noch zu sehen. Direkt nach Süden zog ein flaches Hochtal, das abgegrenzt wurde durch eine Kette hoher Marmorberge mit weißblinkenden Flanken. Kahle, wilde Felsengebiete taten sich da vor uns auf; nur hier und da sah man kleine Rasenflächen, sonst war die Pflanzenwelt sehr spärlich. Ganz im Süden erhob sich in zarter Bläue ein Berg von schönen Umrissen, eine mächtige Pyramide, die ein gut Stück höher sein mußte als unser Standpunkt. Es war die Solunska, die eines unserer nächsten Ziele werden sollte.

Wir wanderten in den Nachmittagsstunden noch über den Kamm, am Hang des mittleren Gipfels entlang zum Nordgipfel, der etwas höher ist als der Südgipfel; er mißt 2300 m. Das weißgraue Gestein um uns herum war Glimmerschiefer, meist Granatglimmerschiefer.

Auch hier um uns nur Steine und kleinere und größere Grasflächen! Westlich des Pepelakkammes zieht sich ein welliges Hochgebiet hin, welches von den nachher zu beschreibenden Kalkbergen abgegrenzt wird. Ich bestieg einen der westlich vom Pepelak-Nordgipfel gelegenen Kalkberge, der noch etwas höher war als jener, nämlich 2315 m.

Ungefähr an dessen Flanke zog sich die Grenze der Urgesteinszone gegen das Kalkgebiet hin; an der Nordseite der Kalkhöhe zog sich eine tiefe Schlucht hinab, deren Anfang von einer mächtigen Schutthalde gebildet wurde. Die linke Seite war eine steile Wand, an deren unterem Ende mehrere große Schneefelder lagen. An deren Rändern flogen eigenartige dunkle Schmetterlinge, eine Noctuide, die uns ein Eiszeitrelikt zu sein schien.

Tatsächlich stellte sich das Tier als die Eule Anarta melanopa Thnbg. var. rupestralis Hb. heraus, welche aus den Alpen und vom Gran Sasso in Süditalien bisher in besonderen Formen bekannt ist, während die Stammform in Lappland, Labrador und auf den Shetlandinseln vorkommt. So stimmt das Vorkommen dieses Schmetterlinges gut zu den sonstigen Eiszeitspuren, welche wir im Gebiet fanden.

Abb. 195. Rand des Kalkgebirges der Karaschiza westlich vom Pepelak. Flugstelle von Anarta.

Nach den Feststellungen unseres Geologen Dr. Gripp stellt der Pepelak mit seinen drei Gipfeln das Nordende eines schmalen Bergzuges dar, der von Nordwesten nach Südosten verläuft. Er erstreckt sich bis nahe an das Dorf Jabolcista hin und zeigt nur eine Unterbrechung, welche von Östreich als Salakova-Senke bezeichnet wurde. In seinem Verlauf bildet der Höhenzug eine bemerkenswerte Grenze zwischen zwei ganz verschiedenartigen Landschaftstypen. Östlich von dem Bergzug streichen fünf einander parallele Bergrücken von Südwesten nach Nordosten; sie enden alle an ihrem nordöstlichen Ende in Gestalt rundlicher Bergkuppen, deren Höhe jeweils von Norden nach Süden geringer wird.

Abb. 196. Anarta melanopa Thnbg. var. rupestralis Hb. Als Eiszeitrelikt im mazedonischen Gebirge erhalten.