Abb. 22 c. Necydalis panzeri Herold. Wespenähnlicher Käfer.

Auf dieser Pflanze fingen wir eine ganze Anzahl kleiner Schmetterlinge, tagfliegende Eulen (Janthina friwaldszkyi Dup.), welche in Größe und Ton und Charakter der Farbe aufs täuschendste den Blüten der Pflanze glichen. Sie setzten sich stets nach kurzem Flug auf die Pflanze in die Region der Blütenstände, fast stets auf die violetten Blüten selber ([Abb. 22 d]).

Ich bin geneigt, die offenbare Anlockung durch die Blütenfarbe in ähnlicher Weise zu deuten, wie ich sie schon früher bei anderen Tieren in einem allgemeineren Zusammenhang zu erklären suchte. Ich vermute, daß die kleinen Schmetterlinge beim Flug zu den Blüten die Farbe aufsuchen, welche ihr eigener Körper trägt und daß dies der Vereinigung der Geschlechter dient. An anderer Stelle dieses Buches erwähne ich, daß auch andere Schmetterlinge durch den Duft von Blüten angelockt werden, ohne dort Nahrung zu suchen, nur um in beiden Geschlechtern sich dort zur Begattung zu treffen. Und dort erwähne ich auch, daß die Pappatacci-Männchen dem Geruch des Menschen nachfliegen, obwohl sie sein Blut nicht saugen. Sie tun dies nur, um dort ihre Weibchen zu finden, die allnächtlich, um Blut zu saugen, die Menschen aufsuchen.

Abb. 22 d. Janthinea friwaldszkyi Dup. Blaue Blumen befliegende Tageule.

Im Süden begrenzt die Ebene von Hudova eine Kette hoher Hügel, welche von kurzem Buschwerk bewachsen und von vielen tiefen Schluchten durchzogen sind. Die Hügelkette zieht sich ziemlich gerade von Osten nach Westen, bis sie gegenüber von Miletkovo mit einem steilen Absturz am Wardar abbricht. Ihr entlang zieht, etwa 1-2 Kilometer nördlich von ihr, ein kleiner Nebenfluß durch die Ebene, der sich auch gegenüber Miletkovo mit dem Wardar vereinigt; es ist der unweit Dedeli beim Hain Mamre in einem mächtigen Quell entspringende Kozludere, der nach Aufnahme einer Reihe von Süd und hauptsächlich von Norden ihm zufließender Nebenbäche als Bojimiadere sich in den Wardar ergießt. In der Umgebung seiner Mündung ist die Ebene fruchtbar. Dickichte von Weiden und Erlen umrahmen schöne Durchblicke auf die das Tal umgebenden Gebirge. Einzelne riesengroße, uralte Bäume, vom Talwind alle nach einer Seite gebeugt, waren ganz eigenartige und seltene Erscheinungen in diesem Lande. Es waren teils Eichen, teils Rüster. Ich habe oft ihre charaktervollen Formen bewundert, wenn ich am späten Nachmittag durch die Ebene dem Abendhimmel entgegen wanderte. Solche Glut und Farbenpracht des Sonnenuntergangs wie in diesem Winkel des Tals bei Mravinca, habe ich in meinem Leben nicht oft genossen, obwohl das Schicksal mich nicht selten an schönste Stellen der Erde geführt hat. Mein Ziel bei diesen Wanderungen war neben dem Genuß der schönen Landschaft zoologische Beobachtung. Ich wollte feststellen, welchen Vogelarten die alten Riesen als Schlafbäume dienten. Wo ein großer Baum in Mazedonien aufragt, wird er von Vögeln als Nachtquartier aufgesucht und je einsamer so ein Baum steht, um so eigenartigere Gäste kann man auf ihm vermuten. Steht er am Rande einer Stadt oder in einem Dorf, so ist man in Mazedonien sicher, jeden Abend hunderte, ja tausende von Dohlen in ihm einbrausen zu hören. Der Himmel verdunkelt sich, wenn sie in Scharen ankommen und ihr kreischendes Geschrei die Luft erfüllt. Meist begleiten sie, ebenfalls in großer Anzahl, Saatkrähen und Nebelkrähen, die nicht weniger geräuschvoll sind.

Die Rabenvögel Mazedoniens, welche wir in dieser Gegend feststellten, gehörten zu folgenden Formen: Die Dohle (Coloeus monedula soemmeringi [Fisch.]), die Saatkrähe (Corvus frugilegus frugilegus L.), die Nebelkrähe (Corvus cornix pallescens Mad.).

Ist die Gegend etwas einsamer, steht der alte Baum etwa nur neben einem stillen Gehöft, so dient er auch edleren Gästen als nächtliche Ruhestätte. Dann sammeln sich wohl auf seinen höchsten Ästen Bussarde, Habichte, Falken der verschiedenen Arten. Meist hält aber dann jeder einzelne seinen Ast für sich allein besetzt und jagt einen verspäteten Ankömmling erbarmungslos davon. Auf den Baumriesen in der Ebene des Wardar konnte man im Anfang der Besetzung durch die verbündeten Heere oft mächtige Nachtgäste aufbäumen sehen. Da saßen in ihren Kronen die häufigen Kaiseradler und gelegentlich einmal ein Steinadler; vor allem aber seltsam und eindrucksvoll waren die großen Geier, von denen Mönchsgeier und Gänsegeier nicht selten in der Dämmerung in den höchsten Ästen sich niederließen. Es war ein phantastischer Anblick, wenn durch die mächtigen Körper der riesigen Vögel bizarr verändert der Umriß des Baumes gegen den bernsteingelben Abendhimmel sich abhob. Wie Bildsäulen standen die Geierkörper in dem schimmernden Glanz. Von Zeit zu Zeit erhoben sie sich von ihren Sitzen und entfalteten ihre mächtigen Flügel, deren gespreizte Schwungfedern als dunkle Silhouetten sich von der goldenen Fläche einzeln abhoben. Senkten sie sich dann wieder auf die Kronen der Bäume nieder, so schienen sie auf die Hälfte der früheren Größe zusammenzuschrumpfen, wenn sie ihre Flügel zusammenfalteten und den langen mageren Hals einzogen.

Je länger der Krieg dauerte, je öfter von Soldaten und Offizieren auf die großen Vögel gejagt wurde, um so seltener kamen sie in die Wardarebene. Umso schwerer war es, an die freistehenden Bäume anzuschleichen, um sie zu beobachten und zu erlegen. Da nützten die wohlmeinenden Befehle unserer obersten Heeresleitung nicht viel, durch welche der Abschuß der großen Vögel im Interesse des Schutzes der „Naturdenkmäler‟ immer wieder unseren Truppen verboten wurde. Die Offiziere verhinderten zwar vielfach ihre Mannschaften am Abschuß der Adler und Geier; aber sie selber und die Ärzte der Lazarette konnten oft dem Jagdeifer nicht widerstehen und schlichen sich abends an die Schlafbäume heran, von denen mancher stolze Adler und stattliche Geier heruntergeschossen wurde. Und alle Schonung durch das deutsche Heer konnte nicht viel nützen, denn gedankenlos wurde von den Bulgaren, in deren Interesse wir sie schonen wollten, alles was auffallend war, weggeknallt.

So waren denn schon im Sommer 1917 die meisten Schlafbäume verlassen; später waren viele von diesen stolzen, schönen Produkten jahrhunderte langen Wachstums der Holznot der Truppen zum Opfer gefallen. Geier und Adler kamen nunmehr selten ins Tal. Aber immer noch konnte man täglich mehrere Paare der mächtigen Tiere, fast immer Männchen und Weibchen gemeinsam, die weite Ebene überfliegen sehen, wenn sie von einem Gebirge zum anderen flogen, in welchem sie ihre Schlupfwinkel hatten, wo sie brüteten und vor Nachstellungen sicher waren. Die Erinnerung an manche mazedonische Landschaft ist mir unzertrennbar verknüpft mit dem Flugbild der stetig und rasch mächtige Weiten durchfliegenden Raubvögel, die in wenigen Stunden von Griechenland bis nördlich der Donau reisten, Kleinasien, die Dardanellen und Albanien besuchten und über all den Kriegsschauplätzen majestätisch hinschwebten, auf denen die Heere der Welt verteilt waren. Dann und wann senkten sie sich nieder, um aus den Armeeschlächtereien, aus den Abfallplätzen der Truppenlager, an Heerstraßen oder auf Schlachtfeldern sich ihre Beute zu holen, ein Geschäft, an das in diesem Teil der Welt seit Jahrtausenden jede Generation der Aasvögel sich wieder hatte gewöhnen können.