Abb. 23. Haus mit Storchennest in Piravo.

In dem feuchteren Teil der Ebene, gegen Mravinca zu, sah man oft große Herden von Störchen durch Sumpf und Felder stelzen. Zwanzig bis dreißig waren ihrer häufig und manchmal mochten es selbst ihrer Hunderte sein, die man in einem Abschnitt der Ebene beieinander sah. Es war ein reizvoller Anblick, wenn die großen, schwarz-weißen Vögel mit ihren roten Beinen durch das hohe Gras und Schilf der sumpfigen Strecken stolzierten, bald tief geduckt am Boden suchten, bald den roten Schnabel hoch in die Luft warfen. Dann und wann ging ein mächtiges Klappern vieler Schnäbel los. Das war die Zeit, wenn sie ihre Jungen aus den Nestern hinausführten, und sie lehrten, ihre Beute zu finden und zu fangen. Rings um die Ebene fanden sich auf Bäumen und auf den Dächern der Häuser viele Storchennester. Nicht nur im Sumpf zwischen Binsen, Schwertlilien und anderen Sumpfpflanzen wateten die Störche umher, auch auf den trockenen Feldern wetteiferten sie an Farbenpracht mit den Kornblumen, dem wilden, roten Mohn und den Kamillenflächen. Dort waren sie eifrig hinter Eidechsen und vor allem Heuschrecken her, die mit dem fortschreitenden Sommer heranwuchsen und allmählich eine sehr lohnende Beute darboten.

So viel Frösche die Störche auch fingen, man hatte doch den Eindruck, daß es deren nicht weniger wurden, wenn man nachts durch die Ebene wanderte. Wenn der Vollmond sein Licht durch die Büsche schickte und die fernen Felsengrate der Gebirge silbern aufleuchteten, dann schallte über die Ebene das gewaltige Konzert der Frösche. Ungeheuer viel von diesen Tieren mußte es hier geben, denn es klang wie ein gewaltiges Riesenorchester, was da aus dem Sumpfe erscholl. Die Stimme des häufigsten mazedonischen Frosches klingt anders als die unserer Frösche, obwohl die Rana ridibunida Pall., der mächtig große Frosch dieses Landes, unserem Teichfrosch sehr nahe steht. Aber sein gewaltiges, sonores Lachen und Meckern, das ihm den Namen des Lachfrosches gebracht hat, ist eine eigenartige, volltönende Melodie, die in stiller, einsamer Nacht einen großen Eindruck macht. Mein getreuer Mitarbeiter und Begleiter, der tüchtige Herpetologe Prof. Lorenz Müller, stand seinen Lieblingen und Opfern so nahe, daß er wundervoll und täuschend ihre Stimmen nachmachen konnte. Hatte er unsere Gesellschaft durch sein Gequake in heiterste Stimmung versetzt, so konnten wir alle nicht mehr anders, als mit freundlichen Erinnerungen des mazedonischen Lachfrosches gedenken.

Einen Vogel, der in der Ebene von Hudova durch sein massenhaftes Auftreten einen besonderen Eindruck machte, möchte ich nicht vergessen. Es ist das der Truthahn, der auf dem Balkan sehr viel als Haustier gezüchtet wird. Während man ihn bei uns meist nur in einzelnen Paaren im Bauernhof zu sehen pflegt, wird er hier im Süden in großen Herden auf die Weide getrieben. 400-500 Truthähne und Truthennen mit ihren Kücken wanderten oft durch die Büsche und Maulbeerhaine. In langen Reihen liefen sie hintereinander und wenige Kinder genügten, um sie zusammen zu halten, auf die Weide hinaus und sicher in die Dörfer nach Hause zu treiben, wo sie mit den Hühnern auf den Bäumen übernachteten. Ein buntes, malerisches Bild war solch eine Putenherde, wenn sie, geleitet von den farbig gekleideten Mazedonierkindern durch das blühende Unkraut, die Kornblumen und den Mohn, geschäftig, den Schnabel am Boden, dahinliefen. Mancher solche Truthahn, um teures Geld gekauft, wanderte mit dem Urlauber in das hungernde Deutschland.

VIERTES KAPITEL

MRAVINCA UND SEIN FELDLAZARETT.

MAZEDONISCHE SCHILDKRÖTEN UND FISCHE.

Wie viele schöne Erinnerungen, menschliche und wissenschaftliche Eindrücke weckt mir der Name Mravinca. Von Kaluckova waren es etwa zwei Stunden Wagenfahrt über die Ebene südlich nach Mravinca. Von weitem schon, gleich nach der Ausfahrt, sah man über die ganze Ebene hinweg das weiße Schwesternhaus blinken, das hoch am Hügel gelegen, einer kleinen Kapelle glich. Dahinter erhoben sich die rosagrauen Hügel, dürr und unscheinbar, verbranntes, ödes Gelände, das aus der Ferne keine Reize versprach. Kam man näher, so sah man die tiefen Schatten der Schluchten das Gelände zerlegen, davor jetzt Anfang Juni noch grüne Wiesen und Gemüsegärten; hie und da blinkte Wasser des Flüßchens und von Bewässerungskanälen auf, getrennt und beschattet von Gruppen von Weiden, grüne Streifen in der Landschaft mit ihrer Einfassung durch Schilf, Binsen und Schwertlilien bildend. Vor dem Steilabfall des Hügelrandes führte die Landstraße von Valandova nach Miletkovo zwischen den Bauten des Feldlazaretts 358 hindurch, oft bei starkem Verkehr die ganze Gegend mit Staub überschüttend.

Ritt man näher heran, so hatte man zunächst den Eindruck eines großen Zeltlagers. Talwärts von der Landstraße breiteten sich etwa ein Dutzend große braune Segelstoffzelte aus, an denen die deutschen Fahnen lustig im Winde flatterten. Die Krankenzelte waren meist für Verwundete bestimmt; denn das Feldlazarett 358 war ein chirurgisches Spital.