Auf den ersten Anblick schien die Anlage höchst ungeeignet als Lazarett. Man dachte, der Staub der Landstraße müsse das Leben dort unleidlich gestalten und die Heilung der Wunden gefährden. Auch schien die Hitze in dem offenen, baumlosen, schattenfreien Gelände wohl unerträglich zu sein und in den geschlossenen Zelten mußte sie wohl noch gesteigert sein. Aber bei genauerem Zusehen erwies sich das Lazarett als sehr geschickt angelegt. Schatten war im Gebiet nirgends zu haben. Staubentwicklung war hier im feuchtesten Winkel der Hudovaebene immerhin geringer als sonstwo, die Zufahrtsstraßen waren sehr günstig, um den An- und Abtransport der Verwundeten zu beschleunigen.
Zudem waren die Zelte, in denen Kranke lagen, alle mit Berieselungsanlagen versehen, welche eine gewisse Abkühlung ermöglichten. Ein großer Wasserturm, der zu diesem Zweck errichtet war, verriet, daß genügend Wasser vorhanden sein mußte. Dazu kam die Lage des Lagers am Ausgang einer Schlucht, welche abends mit dem Talwind regelmäßig Kühlung brachte.
Ferner war das Lazarett mit den Jahren der Besetzung des Landes immer stabiler geworden. Es war immer mehr zum Musterlazarett des Kriegsschauplatzes geworden. Für mich und meine Leute war es bei der gastlichen Aufnahme, die wir dort stets fanden, nach anstrengenden Märschen und schwerer Arbeit ein richtiges körperliches und geistiges Erholungsheim. Der Chef, Stabsarzt Dr. Weyer, eine frische, tatkräftige Persönlichkeit, empfing mich, nachdem ich ihm meinen ersten Besuch gemacht hatte, stets fröhlich und gastfrei. In seinem Lazarett hielt er auf strenge Ordnung und Sauberkeit. Und er hatte alle Möglichkeiten ausgenützt, um sein Lazarett zu vervollkommnen. Viele glückliche Operationen hatten ihn in freundschaftliche Beziehungen zu bulgarischen Truppen gebracht, die ihm in der Folge durch Lieferung von Steinen und anderem Baumaterial sein Lazarett verbessern halfen. So habe ich im Verlauf meiner Besuche in Mravinca dort zwei lange, luftige Steinhäuser entstehen sehen, in denen die Verwundeten im Sommer kühler, im Winter wärmer lagen, als in den Zelten. So war denn auch zum Schluß ein stattliches, steinernes Operationshaus gebaut worden, das sterile Räume enthielt und viel sicherer zu operieren gestattete, als das alte Operationszelt.
Nicht minder gut war für die Mannschaft und das Pflege- und Sanitätspersonal des Feldlazaretts gesorgt. Eine besondere Wohltat war ein schönes zementiertes Schwimmbassin, in dem ein Dutzend Männer schwimmen und sich im Wasser tummeln konnten. In ihm habe ich manche erquickende Stunde mit den jungen Fliegeroffizieren von Hudova verbracht; denn Badegäste aus der ganzen Nachbarschaft kamen fast jeden Tag dort an.
Diese wurden auch oft im Lazarett bewirtet und gastlich beherbergt, wie das mir ja nicht selten widerfuhr. Jenseits der Landstraße war am Abhang der Hügel eine ganze Reihe von „Unterständen‟ eingebaut, kleine Hütten mit steilen Dächern, am Felsen angelehnt oder zum Teil in ihn eingefügt. In jedem dieser malerischen, sauberen Häuschen war je einer der Beamten des Lazaretts wohnhaft und jeder hatte es im Laufe der Zeit behaglich ausgestattet und je nach seiner Individualität künstlerisch eingerichtet. Da wohnten der Oberapotheker, die jüngeren Ärzte, die Inspektoren, der Röntgeningenieur. Ganz oben über den anderen Bauten in luftiger Höhe am Berg, erhob sich das weiße Schwesternhaus, das wir schon aus der Ferne erblickt hatten, bewohnt von vier ganz vorzüglichen, sympathischen Operations- und Verwaltungsschwestern. Hoch über den Männern hausten diese einträchtig in dem sauberen, zierlich ausgeschmückten Heim. Es war immer ein fast formeller, feierlicher Besuch, den man in dem feinen Häuschen abstattete. Die vier, nicht ganz jungen, sehr gut zusammen eingearbeiteten, getreuen Schwestern mit ihrer unermüdlichen, aufopfernden Tätigkeit für ihre Verwundeten werde ich nicht so leicht aus dem Gedächtnis verlieren. Ich lernte das Lazarett genau kennen, habe manche Pflege, manche Operation mit erlebt, Sanitätsschule, tägliche Prüfung der Mannschafts- und Krankenkost mitgemacht. Und noch dazu manche schöne, fröhliche Stunde dort erlebt.
Während Mittags die Männer und die Schwestern gesondert rasch zwischen der Arbeit ihre Mahlzeit zu sich nahmen, versammelte man sich abends nach getaner Arbeit gemeinsam in den Kasinos. Im letzten Jahre gab es ein Sommer- und Winterkasino. Ersteres war das interessantere, letzteres das künstlerisch bessere.
Das Sommerkasino war ein ganz kunstloser Käfig; es war aus einem dünnen Gestell aus Balken und Latten gebaut, mit einem festen, dachpappegedeckten Holzdach überwölbt, seine Außenwände bestanden aber nur aus Drahtgaze, so daß es aussah, als sei es durchsichtig. So konnte man bei Tag und was noch wichtiger war im helldurchleuchteten Drahthaus nachts verweilen, ohne von den Malariamücken gefährdet zu sein. Im kühlen Windzug, der von den Bergen kam — das Kasino lag am Ausgang der Schlucht —, konnte man in der heißesten Zeit des Jahres dort tafeln und sich bis tief in die Nacht der getanen Arbeit und seines Lebens freuen. Da saß ich oft an dem großen kreisrunden Tisch mit den tüchtigen, freundlichen und fröhlichen Menschen, Männern und Frauen, die hier drei Jahre lang im Dienste des Heeres und des Vaterlandes gemeinsam verdienstvolle Arbeit geleistet haben. Da wurde erzählt, diskutiert und debattiert. Man erfuhr viel von Landessitten, von medizinischer Arbeit, von der Natur des Landes und sprach viel von zukünftigen Absichten in der Heimat im Frieden; denn damals war noch frische, zuversichtliche Stimmung und jedermann dachte an ein starkes, tüchtiges, sicheres Vaterland nach dem Kriege. Da wurde auch manchmal gesungen und mit allerhand Aufführungen ein Fest gefeiert. Jedermann hatte Interesse für meine Arbeit, beobachtete und sammelte mit mir, und jedesmal, wenn ich in längeren Zwischenräumen wieder als Gast eintraf, hatte man mir interessante Funde von Tieren, Nestern und Bauten aufgehoben. So ist es verständlich, daß ich mit meinen ganzen dort so gut aufgehobenen Leuten niederen und höheren Ranges immer wieder gern in Mravinca einkehrte und einige Tage Ruhe und Erfrischung suchte. Nach starker, ermüdender Arbeit konnte man hier unter fleißigen Arbeitsmenschen eine schöne Erholung und Anregung finden. Mravinca nannte ich daher, solange ich in Mazedonien war, mein seelisches Erholungsheim.
Und manche stille beschauliche Stunde habe ich dort auf der Veranda des schönen hochgelegenen Hauses des Chefarztes zugebracht, das er mit verfeinertem Geschmack und einfachen Mitteln der widerspenstigen Natur des Landes abgezwungen hatte. Im Liegestuhl ausgestreckt, nach kühlendem Bad im Schwimmbassin, wartete ich im sinkenden Tag die Zeit ab, zu der all die fleißigen Frauen und Männer mit ihrer Tagesarbeit fertig waren und die Hände zum leckeren Mahle ausstrecken konnten. Da sank dann mir gegenüber die heiße Sonne Mazedoniens allmählich gegen den Rand der Ebene hinab. Links von mir blinkten vom Wardar rote Strahlen zurück, noch über ihm hinaus leuchteten die Berge der Marianska Planina und die schönen, schlanken Gipfel der Mala Rupa in glänzenden Farben auf, daß man meinen konnte, sie beständen aus einer purpurnen und violetten, glühenden Masse. Zur Rechten zog sich die Kette der Plaguša Planina hin, in fahlerem Licht und dennoch mit tiefen Schattenflecken. Gerade mir gegenüber sperrten das Nordende des Tals Ketten von gezackten Felsenbergen, eine hinter der anderen, in den verschiedensten zarten Abtönungen von Blau sich voneinander abhebend. Märchenlandschaften mußten in jenen mattleuchtenden Tälern verborgen sein, aus denen feine Nebel aufstiegen und zu den flammenden Wolken wanderten, die sich wie viel gewaltigere Gebirge über jene zarten blauen Berge türmten. Wie vom herrischen Pinsel eines großen Meisters gemalt, war das Gewölbe des Himmels hoch hinauf mit leuchtenden gelben, flammendroten, tiefblauen, grauvioletten, rotbraunen und grünlichen Wolken behängt. Das häufte sich übereinander, bäumte sich auf und zerfloß am obersten Rande in ein ätherisch klares sanftes Blau, das bis zu mir herüber sich wölbte, während über meinem Ruhesitz der erste Stern sein mildes Licht aufstrahlen ließ. Unten in der verdunkelnden, kühl blauenden Ebene, auf der die Schatten der Berge und Wolken sich allmählich immer mehr vorwärtsschoben, tauchte plötzlich eine Staubwolke rotgelb im letzten Scheine der Sonnenscheibe auf. Der helle Hauch erlosch in dem Augenblick, als die Sonne oben zwischen den fernen Schneebergen und den Felsenmassen von Demir Kapu fast im Norden versank. Kühle blaue Töne, zarte Nebelstreifen wanderten weiter den östlichen Bergen zu, über denen im grünblauen, stillen Himmelszelt zartrosa gefärbte, kleinste Wölkchen schwebten.
Abb. 24. Satyrus fatua Freg.