Abb. 25. Hummelfliege (Collostoma fascipenne Sch.) Kaluckova.
Das waren stille, friedliche Ruheabende in Mravinca vor arbeitsreichen Forschungstagen, zu denen jedesmal der frühe Morgen des zweiten Tages nach der Ankunft rief. Dann ging es meist zuerst aufwärts in die dürren Hügel hinter dem Feldlazarett durch steile Schluchten an dem halb verfallenen Dorf Mravinca vorbei, wo fleißige Bauern schon in der Morgenfrühe bei der Arbeit waren. Ein römischer Sarkophag nahe bei dem Dorf hielt mich kurze Zeit auf, ehe ich auf die Hochebene stieg, wohin mich die Interessen des Naturforschers mächtig lockten. Dort breitete sich eine wellige Fläche aus, mit trockenem kurzem Gras bedeckt, in die mit scharfen Kanten aus der Fläche geschnitten, tiefe, steile Schluchten sich senkten. Deren Ränder waren auf beiden Seiten etwa gleich hoch. Man sah in ihre Tiefe erst hinab, wenn man dicht am Steilrand stand. Die Wände waren so steil, die Brüche schienen so frisch, daß man glauben konnte, sie seien von Menschenhand am Tag vorher gegraben. Es war ein ganz anderer Typus von Schluchten, als ich sie aus dem Felsengebirge in einem der nächsten Kapitel beschreiben werde. Hier sah man, wie die Schluchten entstanden und wuchsen. Man konnte sie von ganz kleinen ersten Anfängen, von zentimetergroßen Vertiefungen bis zur Entwicklung zu hundert Meter tiefen, gewaltigen Schluchten verfolgen. Die größte dieser Schluchten hatte bei unseren Soldaten in der Gegend den Namen der Fuchsschlucht nach irgend einem Jagderlebnis erhalten. Auf der trockenen Hochfläche sah man nach verschiedenen Richtungen die Schluchten laufen, die alle am oberen Ende noch im Wachsen begriffen waren und an denen immerfort noch Verzweigungen entstanden. Am unteren Ende, gegen den Wardar hin, riß das Hochwasser nach starken Regengüssen große Massen der lehmigen Erdmassen von den Wänden ab, und schwemmte die fein sich verteilende Masse zum Fluß. So entstand am Wardar eine breite Sandschicht, die deltaähnlich in den Fluß sich erstreckte. Wenn unten Masse weggeschwemmt worden war, stürzte immerfort Masse im oberen Teil der Schlucht nach. Das erfolgte bald an der einen, bald an der anderen Seite der Schlucht. Dieses Nachstürzen war eine spätere Folge der Hochwassertätigkeit und erfolgte in Zeiten, in denen sehr wenig oder gar kein Wasser in der Schlucht floß. Während das Erdreich austrocknete, entstanden Sprünge im Boden und große Stücke lösten sich los und kollerten den Abhang hinunter. Dadurch wurden die Zustände am oberen Rand wieder verändert, neue Sprünge entstanden, neue Blöcke lösten sich ab und stürzten in die Schluchttiefe. Dort füllten sie das Bachbett auf, sperrten auch oft den Wasserlauf.
Die steilen Schluchtwände, rotgelb gefärbt, bestanden meist aus ganz gleichmäßiger feiner Substanz; sie sahen fast wie Lehm oder Löß aus. Die Schichten, aus denen die Schluchten gegraben waren, entstammten offenbar den höheren Hügeln und Bergen, aus denen das Wasser sie hinabgeschwemmt und in gleichmäßiger Verteilung an ihrer jetzigen Stätte abgelagert hatte. Hie und da ragten aus der feinkörnigen Masse größere und kleinere weiße Gesteinsbrocken heraus.
Abb. 26. Unterer Teil der Fuchsschlucht bei Mravinca.
Abb. 27. Hummelfliege Exoprosopa vespertilio Wd. Nat. Gr.
Die Wände der Schluchten dienten einer Menge von Tieren zum Nestbau. Außer den Bauten vieler Bienen und Wespen waren zahlreiche Vogelnester in die Lehmwände eingebohrt. An manchen Stellen sah man ein großes, dunkles Loch neben dem andern an der sonnenbestrahlten, gelben Schluchtwand. Die Vögel, welche hier in den Löchern brüteten, waren für die Augen des Nordländers auffällige, seltsame Formen. Es waren die farbigsten Vögel Mazedoniens, die hier hausten. Die Blaurake und der Bienenfresser flogen um die Schlucht und letztere vor allem tauchten immer wieder zu den Nestlöchern herunter, dabei ihre eigenartigen Zickzackflüge ausführend. Auch Wiedehopf und Kappenammer trugen zur Buntheit in der Vogelwelt bei. Daß alle diese Formen als Zugvögel meist erst im Mai im Wardartal auftreten, ist unten im 37. Kapitel besprochen.