Wasserstare flogen über das rauschende Wasser der Kadina; die Wiesen am Ufer waren von einer bunten Blütenpracht bedeckt; die Ochsenzunge (Anchusa hybrida Tem.) spielte da eine große Rolle. Die Berghänge waren von Buchenbüschen dicht bestanden, zwischen denen Weißdorn und andere Dornbüsche vorkamen. Am Fluß erhoben sich stattliche Ulmen, Weiden und andere Bäume. Im Grase hüpften zahllose Heuschrecken und über den Wiesenblumen schwangen sich im stolzen Flug Perlmutterfalter, während dunkle Erebien und Bläulinge in Menge auf den Blüten saßen. Als die Zeltbahnen ausgelegt und die Zelte aufgestellt wurden, sammelten sich unter ihnen viele Laufkäfer einer großen, schönen Art. Um die Zelte flogen „Landlibellen‟, Vertreter einer buntgefärbten Ameisenlöwenart aus der Gattung Ascalaphus.

Hier brauchten wir nachts im Zelt nicht mehr zu frieren; wir waren bis auf 870 m herabgestiegen und näherten uns wieder dem Gebiet des Sommers. Unsere Pferde genossen die üppige Weide und meine Mannschaften waren sichtlich froh, daß mit dem Proviant nicht mehr gespart zu werden brauchte. Mit leichter bepackten Pferden erfolgte am Morgen des 29. Juni der Abmarsch, zunächst die Kadina abwärts, auf dicht umbuschten, etwas halsbrecherischen Pfaden über dem Fluß, der wieder durch einen Engpaß brach. Ehe die Kadina in scharfem Winkel nach Osten zum Wardar abbog, verließen wir ihr Tal und erklommen auf steilem Pfad einen Paß, der in der bisherigen Richtung des Flußlaufes fast gerade nach Süden über einen Kamm führte, der vom Ostri bis hier herüber reichte.

Es war eine anständige Leistung nicht nur unserer mazedonischen Tragtiere, sondern vor allem unserer deutschen und rumänischen Reitpferde, uns diese steile Paßstraße hinaufzutragen. Im eigentlichen Europa hätte man sein Pferd am Zügel hinaufgeführt. Hier hatten sich unsere deutschen Pferde so an die Erfordernisse der mazedonischen Gebirge gewöhnt, daß sie freiwillig ein flottes Tempo anschlugen und mit sicherem Schritt alle Schwierigkeiten des Pfades, der oft wie eine steile Treppe den Berg hinaufführte, überwanden.

Oben auf dem ganz schmalen Paß empfing uns eine bulgarische, aus Albanern gebildete Wache, welche den Übergang beaufsichtigte. Wir wurden von der bunten, verlumpten Gesellschaft, die einer irregulären Bande angehörte, freundlich aufgenommen und rasteten da oben eine kurze Weile neben den Reisighütten und Lagerfeuern der wilden Kerle.

Dann ritten wir sehr steil einen Hang hinab, der durch ein ziemlich breites Tal an den Hängen des Ostri entlang, unterhalb des Dorfes Paligrad nach Crvenavoda führt. Die Wand des Bergs, an dem wir entlang ritten, fiel steil in ein schon recht trockenes, felsiges Tal ab. Die Pflanzenwelt des Gebirges hatten wir schon verlassen; die Vegetation wurde allmählich wieder mazedonisch; zwischen trockenem, rotgelbem Boden erhoben sich niedrige Büsche. Es eröffneten sich vor uns schöne Ausblicke in die Hügel- und Bergketten der Brazda und Rudina Planina. Vor dem Dorf Crvenavoda (Rotwasser) kamen wir an zwei kreisrunden, flachen Becken vorbei, welche wie Pfannen im lehmigen Boden eingesenkt waren. In der Mitte jeder Pfanne strudelte ein Strom perlenden Wassers hervor. Es waren Mineralquellen, welche offenbar, nach den roten Niederschlägen zu schließen, Eisen und unzweifelhaft Schwefel enthielten. Die Luft ringsumher war von starkem Schwefelduft erfüllt.

Ohne uns lange aufzuhalten, setzten wir unseren Ritt steil bergab fort und stiegen nun bald in das Gebiet des altbekannten Markovatales ab. Nun wurde es allmählich wieder gehörig warm, der Himmel war wolkenlos und die mazedonische Sonne brannte unbarmherzig auf uns herab. Die warmen Hüllen, Decken und Mäntel, die oben in den Bergen so notwendig gewesen waren, hatten wir längst auf den Tragtieren verladen.

Vor uns dehnte sich die breite Mulde des unteren Markovatales aus, das wir jetzt von seiner Nordseite ganz im Unterlauf des Baches, nahe seiner Mündung in den Wardar durchqueren wollten. Wieder hatten wir die vom Wasser zerrissene und modellierte Landschaft eines mazedonischen Flußtales vor uns. Von allen Seiten sah man tiefe, steile Schluchten die Berge und Hügel hinab dem Bach zustreben, dem durch sie alle Gewässer des Gebietes zugeführt wurden. Mehr und mehr machte sich die Trockenheit des Gebietes auf den Hügelpfaden und auf den Halden, die wir hinabritten, geltend. Die Pflanzenwelt wurde immer geringer; die Kulturpflanzen der Äcker, die Hecken überwogen. Menschen und Pferde wurden durstig und begannen sich nach Wasser und Schatten zu sehnen.

So strebten wir an dem türkischen Ort Kolicane vorbei einem in einem Ulmenhain gelegenen malerischen türkischen Friedhof zu, in welchem der Schatten der Bäume uns anlockte. Aber leider gab es dort in der ganzen Gegend kein Wasser.

So ritten wir denn lieber nach Kolicane zurück, einem am Bergabhang malerisch gelegenen Städtchen, an dessen Rand sich auch ein Ulmenhain mit Resten eines alten Friedhofes befand. Dort fanden wir, wie vorauszusehen, Wasser für die Pferde und schönen Schatten. Hier hielten wir Mittagsrast und kochten ab, umringt von den türkischen Einwohnern des Ortes, deren Knaben uns bereitwilligst Wasser heranschleppten.

Trotz aller Müdigkeit wurde auch hier noch beobachtet und gesammelt. Im Hain standen zahlreiche fast meterhohe Büsche von zwei gelbblühenden Korbblütlern, Alantarten, nämlich Inula hirta L. und I. salicina L. Unser Botaniker, Prof. Bornmüller, prophezeite, daß da auch der Bastart zwischen beiden wachsen müsse; und richtig, kaum 5 Minuten suchte er, so hatte er ihn in zahlreichen Exemplaren gefunden.