Abb. 209. Ansicht von Stadt und Burg Stip vom Moscheehügel.
Es ist wie Veles eine richtige Türkenstadt mit Moscheekuppeln und Minarets; die Häuser klettern wie dort die steilen Hügel hinauf, sind aus Steinen gebaut und mit roten Hohlziegeln gedeckt. So entsteht das gleiche bunte, malerische Bild wie in Veles, nur daß hier der dunkle Felsen einen andersartigen, weniger harmonischen Hintergrund bildet als das graue Gestein von Veles. Wir fahren durch enge Gassen über einen Marktplatz; Läden und Werkstätten verraten lebhafte Tätigkeit in der Hauptstadt einer wohlhabenden Provinz. Wir gelangen an eine stattliche, breite Brücke, welche über die Bregalniza führt, deren Bett, breit durch die Häuser der Stadt führend, ausgemauert ist. Aber welch eigentümlicher Anblick; das breite Flußbett, dessen steile Mauern, von denen Treppen hinabführen, verraten, daß der Fluß im Winter und Frühling viel Wasser führen muß, lag jetzt ganz trocken, so daß ich trocknen Fußes, durch Sand watend, hindurch gehen konnte.
Abb. 210. Moschee in Stip.
Im Schatten einiger Bäume jenseits der Brücke ließen wir unseren Wagen unter Aufsicht des Fahrers stehen und stiegen selbst einen steilen Weg bergan zu einer Moschee mit leuchtend grüner kupfergedeckter Kuppel, deren säulengetragene Vorhalle uns als Rastplatz lockte. Und es lohnte wohl dort eine Nachmittagsstunde zu verbringen. Ringsum lagen zwar Ruinen und selbst das Minaret war zur Hälfte zerstört. Hier hatte sich im Balkankrieg der Türkenhaß Luft gemacht.
Die Moschee war aber immerhin noch erhalten; sie war aus Steinen massiv erbaut, außen mit Platten bedeckt. Solche, abwechselnd schwarz und weiß, umgeben die Bogen der Vorhalle und die drei Türen, welche ins Innere führten. Der hochgewölbte Raum war mit Ziegeln gepflastert. Verwüstung herrschte auch hier und Trümmer lagen umher. So war es anziehender in der Vorhalle sich niederzulassen, die von schlanken Marmorsäulen mit schön ausgearbeiteten Kapitellen getragen war. Die Säulen machten den Eindruck, als stammten sie von einem antiken Bau. Ihre Basen waren mit Kupfer beschlagen. Hier wie an der Kuppel hatte sich zum Glück noch kein beschlagnahmender Beamter betätigt.
Von der Ecke der Vorhalle hatten wir einen sehr schönen interessanten Überblick über die Stadt, deren weiße Häuser teils in der Fläche zwischen den Hügeln sich ausdehnten, teils an den Felsen emporkletterten. Zwischen den dunkelroten Dächern erhoben sich zahlreiche weiße Minarets und mit ihnen an Schlankheit wetteifernd dunkle Pappeln; aus Gärten ragten viele Obstbäume hervor, die zum Teil voll Äpfel hingen. Zwischen den Felshügeln eröffnete sich ein weiter Blick über die dunstige Ebene und auf ferne Berge. Kapellen leuchteten weiß von den Hügeln und eine große stattliche Kirche ragte aus den gleichmäßigen Straßen der unteren Stadt empor.
Gerade vor uns begrenzte eine ziegelgedeckte Mauer einen schattigen Garten. Während wir, behaglich auf den Treppen der Moschee sitzend, unser mitgebrachtes Mittagsmahl verzehrten, öffnete sich das Pförtchen und eine Anzahl von Kindern trat hervor und begann vertraulich sich uns zu nähern. Es waren Mädchen und Knaben von 3-12 Jahren. Da einer von uns einige türkische Worte konnte, entspann sich eine Unterhaltung, die sich im wesentlichen darauf beschränkte, daß sie uns ihre Namen nannten; Fatme, Hassan, Achmed, Osman und die kleine Bülü vertrieben uns unter Plaudern und Scherzen die Zeit. Als wir uns aber nach dem Essen die Zigaretten anzündeten, fing ein heftiges Betteln an, dem der Hauptmann schließlich nachgab.
Alle diese Kinder, auch der fünfjährige Hassan, zündeten sich ihre Zigaretten regelrecht an und rauchten mit Behagen. Traurig saß zunächst die kleine dreijährige Bülü daneben und verzog die Augen zum Weinen. Als der Hauptmann ihr auch eine Zigarette von fern hinhielt, patschte sie bittend in die Hände und strahlte mit dem ganzen Gesicht, als sie sie wirklich bekam. Dann zündete sie sie an Achmeds Zigarette kunstgerecht an, zog den Rauch tief ein, schluckte ihn hinunter und blies ihn durch die Nase wieder heraus. All das geschah so gewandt, mit so graziösen, fast koketten Handbewegungen, ohne Husten und Verschlucken. Als wir uns freundschaftlich von unserer netten Tischgesellschaft verabschiedeten, zweifelten wir nicht daran, daß die gewandte Raucherin, die graziöse Bülü, trotz ihres Rotznäschens einmal der Stern eines Harems werden würde.