Das war besonders in den ersten Jahren der Besatzung schlimm. Da gab es in den Häusern keine Heizöfen, Heizmaterial war kaum zu beschaffen. Der Nachschub für diese Dinge war ganz besonders schlecht. Nicht besser war es im Sommer, wo ein Schutz gegen die Hitze ebenso notwendig gewesen wäre. In den letzten Jahren des mazedonischen Feldzuges hatte man wenigstens in den Lazaretten im Winter für Heizung, im Sommer für berieselte Zelte und für kühle Steingebäude gesorgt. Ich habe in verschiedenen Kapiteln darauf hingewiesen.
Aber in den Quartieren konnte durchaus nicht überall für erträgliche Verhältnisse gesorgt werden. Jeder suchte sich zu helfen so gut es ging, und so wetteiferten unsere Soldaten mit den Bulgaren im Raubbau am Holz. Wie viele verlassene Dörfer wurden nur wegen des Holzmangels zerstört, wie viel hunderttausend Bäume, die sich Mazedonien noch erhalten hatte, fielen der Holznot zum Opfer. Auch in ganz Mitteleuropa hat ja die Kohlennot die Ausbreitung von Krankheiten ganz enorm befördert. Wie mußte das erst in einem Lande wie Mazedonien der Fall sein, wo so viel Einflüsse die Widerstandsfähigkeit der Körper herabsetzten.
Was aber für die Ausbreitung von Seuchen besonders gefährlich war, war die Zusammendrängung vieler Menschen in gewissen Gebieten des Landes. Nicht nur die Menge der einquartierten Soldaten, auch die Zivilpersonen, welche von den Fronten sich geflüchtet hatten, die vielen Menschen, deren Gewerbe und Handel sie an die Soldaten ketteten, sammelten sich in den größeren Städten und Lagern an. Wo die Menschen dicht beieinander sitzen ist die Übertragung und Ausbreitung von Seuchen besonders begünstigt. Das wurde in Mazedonien, ähnlich wie in Polen, in Rußland, in der Türkei besonders schlimm durch die Vernachlässigung der Wohnungen, den Schmutz in den Häusern, in den Dörfern und Städten, durch die Primitivität in hygienischen Verhältnissen, den Mangel an reinlichen Aborten, an Wasserleitungen, an Kanalisierung usw.
Dazu kam auf dem Balkan als besonders erschwerendes Moment die Masse des Ungeziefers in den Wohnstätten der Menschen und an ihrem eigenen Körper. Jeder Balkankrieger wird mit Grausen an die Flöhe und Wanzen denken, die dort in jedem Bauern- und Bürgerquartier in Massen über ihn herfielen. Ganz besonders schlimm war die Wanzenplage. Ein wirklich wanzenfreies Quartier gab es in Mazedonien überhaupt nicht. Dem General ging es da nicht besser als dem Landsturmmann und dem Burschen.
Ein Erlebnis wird mir unvergeßlich bleiben und ich möchte es als besonders charakteristisch schildern. Eines Abends saß ich beim Oberbefehlshaber der 11. Armee, General von Steuben, mit den Herren seines engeren Kreises in seinem Salon bei behaglichem Gespräch. Es war ein einfaches Zimmer, die Wände mit Teppichen behängt. Plötzlich trat eine Stockung im Gespräch ein, aller Blicke waren krampfhaft auf mich gerichtet. Auch ich schwieg und überlegte mir, ob ich wohl eine taktlose oder törichte Äußerung getan hätte oder was sonst passiert wäre. Da bat mich der General, mich einmal umzusehen und als ich das tat, sah ich an der Wand hinter mir eine Karawane von 20-30 Wanzen in langer Reihe auf mich losmarschieren.
„Das passiert alle Abende‟, sagte der General, „drum sitzen wir alle mit Abstand von der Wand, was ich Ihnen auch empfehlen möchte‟. Und dann begannen die allgemeinen Klagen über die Wanzenplage, die man überall hören mußte. Überall gab es dieses Ungeziefer und selbst in jedes neugebaute Quartier, in jede Baracke wurden sie verschleppt. Ich werde nie den Jammer der jungen Flieger in ihren ganz verwanzten Baracken vergessen, die früh morgens nach schlafloser Nacht zum Flug nach Saloniki oder sonstwie zur Front aufsteigen mußten, unerfrischt vom Schlaf, mutlos und an der Hoffnung der Wiederkehr verzweifelnd, da sie körperlich und geistig nicht über ihre vollen Kräfte verfügten.
Mit aller Energie wurde an vielen Orten, besonders in den Städten, gegen das Ungeziefer gearbeitet; es gelang aber nur an einzelnen Stellen, in Quartieren, Offiziersheimen und Kasernen oder Lazaretten einen vorübergehenden Erfolg mit Schwefeldämpfen zu erzielen. In den undicht gebauten Häusern der Mazedonier waren alle solche Versuche vergeblich. Die Mittel fehlten, ebenso die Arbeitskräfte, um solche Arbeiten durchzuführen. Hindernd trat da auch die Bürokratie der Militärverwaltung und vor allem unseres Sanitätswesens entgegen. Was habe ich gekämpft, um einmal die Erlaubnis vom Armeearzt zu erhalten, in den freistehenden Baracken meiner Fliegerfreunde einen Versuch mit der damals neu erprobten Cyankalimethode zu machen. Da keine Vorschriften und Paragraphen darüber existierten, durfte so etwas nicht gemacht werden.
Etwas mehr Erfolg hatte in Mazedonien der Kampf gegen die Kleiderläuse, weil hier die Natur mithalf. In manchen Gegenden, so in Serbien und Albanien, waren Läuse sehr verbreitet, Kopfläuse, Kleiderläuse wie Filzläuse. Die Kleiderläuse hielten sich vor allem leicht in den Wollgewändern der Menschen. Während Wanzen und Flöhe offenbar nur gelegentlich Bakterien und andere Krankheitserreger beim Blutsaugen von einem Menschen auf den anderen übertragen, scheinen die Kleiderläuse gesetzmäßig mit der Übertragung der Spirochaete recurrentis, dem Erreger des Rückfallfiebers und mit dem noch unbekannten Erreger des gefährlichen Flecktyphus verknüpft zu sein. So war das Vorkommen der Kleiderläuse eine Vorbedingung für das epidemische Auftreten der genannten gefährlichen Seuchen.
Wie an allen anderen Fronten waren diese Krankheiten auch in Mazedonien anfangs in sehr beängstigenden Prozentzahlen beim Heer aufgetreten; auch hier wurde bald die Entlausung eingeführt und streng auf sie gehalten. Und da der Urlaubsschein vom Entlausungsschein und jede Grenzüberschreitung von vollzogener Entlausung abhing, so gelang es in ziemlich kurzer Zeit diese Plage erheblich einzudämmen. Zumal war der heiße mazedonische Sommer der Entwicklung der Läuse sehr ungünstig, so daß nur im Winter eine Zunahme der Verlausung und damit im Zusammenhang ein Aufflackern von Rückfallfieber und Flecktyphus in den Jahren 1917 und 1918 sich noch zeigte. Herde von Flecktyphus gibt es auf dem Balkan seit jeher und so ging von diesen immer wieder einmal eine Epidemie aus. Da für die Bekämpfung aber alles sehr gut organisiert war, so gelangte eine solche nicht mehr zu größerer Ausdehnung. Auch von unseren Soldaten haben diese Seuchen manches Leben vernichtet, aber so furchtbare Epidemien, wie sie in Polen, unter den Serben und Rumänen wüteten, haben unser mazedonisches Heer nicht betroffen.
Um so schlimmer war aber auf dem Balkan das Wechselfieber, die Malaria. Die hat uns manchen Soldaten gekostet und noch mehr für viele Jahre ihres Lebens in Arbeitsfähigkeit und Lebensfreude beeinträchtigt.