Ein mit Silberlinden bewachsener Berg, besonders ein tiefer, von Vegetation erfüllter Einschnitt an seinem Hang verlockte mich zu einer Exkursion. Es war in einer Höhe von etwa 700 m. Ein frischer Bach strömte durch das rote Gestein, welches in mächtigen Platten ausgebildet war, auf denen man leicht die Schlucht aufwärts klettern konnte. Hier war dichtes Buschwerk; Kräuter und Wiesenpflanzen, welche vor 3 Wochen bei Kaluckova geblüht hatten, waren jetzt im Juni hier in schönstem Flor, so Salbei, viele Doldenpflanzen, Malven, Klee- und Wickenarten. Dem entsprach auch die reiche Insektenwelt, die auch aus annähernd denselben Formen sich zusammensetzte, welche vor einigen Wochen die Fluren bei Kaluckova und Hudova belebten. Von Schmetterlingen flogen auch hier die Frühlingsgeneration von Distelfalter, Ochsenaugen, Weißlingen, vor allem des Baumweißlings, dazu zwei Satyriden, die offenbar Bergformen waren, da ich sie in der Ebene nicht beobachtet hatte. Ähnlich verhält es sich mit den Käfern, unter den Cetonien (Rosenkäfer) besonders häufig waren, den Bienen, den Fliegen. Von Libellen herrschten hier die schönen, metallisch blauen Wasserjungfern (Calopteryx) vor. Der Reichtum der Pflanzen- und Tierwelt war offenbar durch den Wasserreichtum, das spätere Auftreten der Formen durch die Höhenlage bedingt.

Prof. Müller phot.

Abb. 217. Paßende der Babunastraße, von dem Felsen über Han Abdipasa.

Bei der Weiterfahrt nahm die Paßstraße immer mehr den Charakter einer Hochgebirgsstraße an. Immer enger wurden die Windungen, immer verwegener die Kurven, steiler die Steigungen, welche das Auto keuchend und fauchend emporklomm. Prachtvolle Rückblicke eröffneten sich auf die Talwindungen mit ihren vielgestaltigen Abschlüssen. Jedes Bild wurde verschönert durch die dunklen Wolkenschatten, welche auf die Hänge fielen.

Kühle Luft wehte mich an, als der Wagen die alte Paßkarawanserei, den Han Abdipasa, erreichte. Diese lag in einem tiefen Taleinschnitt, dessen Hintergrund die Paßhöhe abgrenzte. Über ihm waren alle Berge bewaldet; Eichenwälder dehnten sich aus und zwischen ihnen verriet der Silberglanz, der mit dem Wind über die Waldoberfläche in Wellen dahinzog, große Bestände von Silberlinden. Beim Han Abdipasa befand sich ein kleines Lazarett, in welchem mein Mitarbeiter, Professor Müller, im Sommer 1918 mehrere Wochen als Gast verbrachte. Viele seiner Aufzeichnungen zeugen von der reichen Vogelwelt in diesen Bergen und Wäldern.

Abb. 218. Bulgarische Ochsenkolonne auf dem Marsch.

Jenseits des Han stieg die Straße immer steiler in immer engeren Serpentinen zur Paßhöhe hinan. Hier war sie noch nicht vollkommen ausgebaut, so daß mein Auto ab und zu in kritische Situationen kam. Auf ihr staute sich manchmal der ungeheure Verkehr, der sich zwischen Front und Etappe vollzog. Es war nicht langweilig, auf dieser Straße zu fahren. Außer der schönen Landschaft brachte die Straße selbst genug Abwechslung. Jetzt marschierte eine bulgarische Infanteriekolonne frontwärts verstaubt und müde an uns vorbei, dort hielt an einer Kurve eine Batterie deutscher Feldartillerie mit ihren sorgfältig eingewickelten Geschützen. Dann fuhr eine Sanitätskolonne mit Kranken bergab vorbei. In langen Reihen tobten Lastautos vor uns her. Unendliche Züge von bulgarischen Ochsenwagen hatten Mühe durch das Gewühl sich durchzuschlängeln. Hilflos erschien dazwischen ein mazedonischer Bauernwagen, auf dem eine ganze Familie mit Hausrat untergebracht war. Pferde von reitenden Truppen scheuten vor den Autos und waren schwer an den Abgründen vorbei zu bringen.

Daß es nicht immer glatt abging, zeigten Skelette und Leichen von Pferden und Büffeln, die in der Tiefe lagen, zeigten die auf der Straße zusammengebrochenen Wagen, die an Kurven zertrümmert liegenden Kraftwagen. Da war oft das Ausweichen nicht leicht und gab zu mancher Verzögerung Anlaß. Aber der Eindruck des ungeheuren, fieberhaften Betriebes eines Heeresnachschubes war ganz außerordentlich. Wie trieb das alles nach vorn zur Front! Daneben spielte der Rücktransport der leeren Wagen, der Kranken und Verwundeten eine viel geringere Rolle.