Bei weiterem Aufsteigen wurde immer deutlicher, daß die eigenartigen Umrisse des Berges nicht nur das Werk von Naturkräften waren, sondern daß auch Menschenhand dabei mitgewirkt hatte. Auf beiden Gipfeln waren Mauerreste erkennbar, welche von einer sehr ausgedehnten Burg herrühren mußten. Wie aus dem Felsen gewachsen, erhoben sich Türme, Durchgänge waren von Rundbogen überwölbt, Häuser waren noch deutlich als einstmals mehrstöckige Gebäude zu erkennen; hohe, steile Mauern zeigten noch Reste von Zinnen und waren von mächtigen Walltürmen eingefaßt.
Es waren die Reste der Burg Markograd, von der noch manche sagenhaften Erinnerungen bei den slavischen Mazedoniern berichten. Nach der Bauart handelt es sich wohl um einen Bau aus dem späten Mittelalter. Den beiden Gipfeln entsprechend handelt es sich um zwei Burganlagen, welche durch einen großen Mauerring umfaßt waren. Bemerkenswert ist der Mangel an Schießscharten und überhaupt die Seltenheit nach außen gerichteter Fensteröffnungen. An den Türmen wiesen Balkenlöcher darauf hin, daß einstmals bedachte Holzgallerien diese außen umgaben. Am Abhang sind die Reste einer Außenbefestigung zu erkennen, welche offenbar die ganze große Anlage vor Angriff schützte. An einer Seite, in der Richtung gegen die Stadt Prilep, glaubt man die Reste einer Zufahrt zu bemerken; sie führt zu einem Eingang mit auffallend engem Torbogen.
Es war schwer, sich eine bestimmte Vorstellung von Alter und Entstehung der Burg zu machen. Der Tradition nach war es die Burg des serbischen Helden Marko Kraljevič, von dem phantastische Sagen im Umlauf sind, in denen er als Riese und fast als Gespenst auftritt. Aimé Boué scheint vor 100 Jahren die Bauten etwas besser erhalten gesehen zu haben. Er schreibt von einer Kapelle und einer Quelle in einem Turm an der Ostseite, die ich nicht auffand. Bei letzterer mag es sich doch wohl um eine Zisterne gehandelt haben.
Beim Herumklettern auf den Felsen und in den Ruinen gab es viel zum Schauen und zu beobachten. Wie malerisch bauten sich Türme und Wälle auf den Felsblöcken auf. Man überlegte sich, ob wohl der eine zweistöckige Bau das Frauenhaus, ein anderer größerer das Männerhaus gewesen sei.
An den Felsen in der Gipfelregion zeigten tiefe glatte Rinnen, Furchen, blanke Rundungen, untergreifende Rillen, daß gewaltige Naturkräfte an der Ausgestaltung dieser Formen gearbeitet haben mußten. Man konnte sich kaum vorstellen, daß all das schon beim Übergang aus dem feuerflüssigen Zustand des Granits entstanden war. Unwillkürlich mußte man an Wasserkräfte denken und in der Phantasie trat beim Blick auf die weite Ebene im Süden des Berges das Bild eines großen Sees auf, der einst sich bis Monastir ausgedehnt haben mag. Die geologische Beschaffenheit des Bodens der Ebene, der Verlauf der Cerna läßt tatsächlich eine solche Annahme zu. Als der See verschwand, mochte auch der Berg hier sich gehoben und in seine Höhen die Spuren der Wirkungen eines kräftigen Flusses mitgenommen haben.
Abb. 225. Im Geschäftsviertel von Prilep.
Jetzt schweift der Blick weit über die dunstige Ebene, welche in der Ferne von einem Kranz von Bergen eingefaßt ist. Direkt nach Westen sieht man in der Babaplanina an klaren Tagen die weiße Häusermasse von Krusevo aufschimmern. In weitem Bogen fassen die Berge nach Süden; schneebedeckt erhebt sich aus dieser Kette die schöne Pyramide des Peristeri. Kahle Berge ziehen am Ostrand der Ebene als Selecka Planina südwärts zum Cernabogen. Von diesem erstreckte sich zur Zeit meines Besuches die Front über Monastir westwärts zum Peristeri, von da zum Prespa- und Ochridasee; man ahnte die Lücken in den Gebirgen, in denen die Seen lagen und sah jenseits von ihnen Bergketten, die schon zu Albanien gehörten.
Wie von einem Turm konnte man zwischen den Felsen, durch ein Mauerloch oder eines der alten Fenster nach Osten zu steil auf die Stadt Prilep hinunterblicken. In der Vogelperspektive lag das Häusergewirre mit seinen Gärten und Pappelgruppen, mit seinen Kirchen und Minarets weit auf dem Talboden ausgebreitet. Von hier aus sah die Stadt ganz anders malerisch und reizvoll aus, als innerhalb ihrer Gassen.
Jenseits im Osten stiegen wieder Bergketten mit klar umrissenen Konturen empor, die Kalkberge der Ostkette des Tales von Prilep, während nach Norden die wilden Formen der Granitberge den weiteren Ausblick verhinderten.