Es war nicht einfach, vom Gipfel und der Burg nach Westen über die glatten Granitplatten zu Dorf und Kloster Varos herabzuklettern. Einer meiner Begleiter glitt an gefährlicher Stelle aus, rutschte über eine Felsenfläche weit hinab und entging nur durch einen Glückszufall einem bösen Schicksal.
Aus dem Bild des in einer Nische des Granitfelsens eingeschmiegten Klosters kann man entnehmen, welche tolle Kletterei wir hinter uns hatten, als wir vom Gipfel an der Hinterseite des Klosters ankamen. Hätte es nicht einen so eigenartigen Hintergrund in den Granitmassen des Berges, welche fast wie erstarrte Lavaströme aussehen, so würde es sich kaum von vielen der Balkanklöster unterscheiden. Immerhin ist die Anordnung der im rechten Winkel zueinander stehenden Gebäude, von denen das eine zwischen zwei im oberen Stockwerk vorragenden Flügeln eine graziöse Säulengallerie einfaßt, das andere zwei Säulenhallen in Holzbau übereinander zeigt, recht eigenartig. Die Kirche mit allerlei alten Architekturbestandteilen füllt die Ecke zwischen beiden Gebäuden aus. Hohe Grundmauern tragen die Fundamente der Bauten, so daß man vom Dorf aus eine hohe Treppe zu ersteigen hat.
Im letzteren steht eine interessante Kirche, von einem Friedhof mit den üblichen Kistengräbern umgeben. Die Nord- und Ostseite ist mit einer langweiligen weißen Bogengallerie verbaut. Von der Süd- und Westseite zeigt aber das Kirchlein den malerischen altmazedonischen Typus bulgarischen Ursprungs. Sie scheint allerhand Schicksale durchgemacht zu haben, so daß die ursprüngliche Anlage kaum mehr zu erkennen ist. Jedenfalls ist sie von einem graziösen zehnsäuligen Kuppelturm überragt; an der Westseite sieht man noch die Anlage von Konchen, die verschiedene Art und Behandlung der Bausteine weist auf viele Reparaturen hin.
Abb. 226. Kirche im Dorf Varos.
In vieler Beziehung interessanter ist das hochgelegene Kloster Treskawetz, welches auch in der Granitkette, und zwar auf einer Höhe von 1226 m gelegen ist. Als im September 1917 in Prilep ein Hochschulkursus stattfand, den das Oberkommando für die Studenten der XI. Armee veranstaltete, und bei welchem wir Professoren unsere Vorlesungen in einer Moschee abhielten, gehörte zu den besonderen Veranstaltungen uns zu Ehren auch eine Bewirtung durch die Stadt Prilep in diesem altheiligen Kloster.
An einem Nachmittag ritten wir die 2 Stunden durch die grandiose Granitlandschaft auf den Berg hinauf. Das Kloster, eigenartig in seltsame Felsen eingebaut, war eine weitläufige Anlage, von hohen Mauern umgeben. Zwischen den Türmen und Schornsteinen ragten Granitklötze empor, welche in ihren bizarren Gestalten fast wie Menschenarbeit aussahen.
Das Kloster erfüllte seine Aufgabe als Festquartier sehr gut, denn es war in mächtigen dreigeschossigen Galleriebauten mit einer großen Anzahl sauberer Zimmer ausgestattet, welche viele hundert Pilger aufnehmen konnten. Schon am Eingang zum Kloster waren wir von dem Bürgermeister von Prilep, angesehenen Bürgern dieser Stadt, bulgarischen Beamten und Offizieren feierlich empfangen worden.
In einer rebenumrankten Veranda fand ein Festessen statt, bei welchem wir mit den Bulgaren vereinigt saßen und bei welchem politische Reden gehalten wurden. Der Bürgermeister, ein blasser, schlanker Mann, der als bulgarischer Verschwörer lange Jahre in türkischen Gefängnissen gelegen hatte, hielt eine feurige deutschfreundliche Rede, auf welche der Kenner der griechischen Literatur und der antiken Geschichte Mazedoniens v. Willamowitz, der Berliner Professor in formvollendeter, feiner Rede antwortete.
In angeregten Gesprächen durchwanderte man dann zusammen die Räume des Klosters und besichtigte vor allem die ehrwürdige Kirche, deren Ursprung die Bulgaren auf das 9. Jahrhundert zurückführen wollen. Es war sehr interessant, mit den gebildeten Männern durch die für sie traditionsreichen Räume zu wandern und den Erzählungen zu lauschen, welche von dem alten Zusammenhang ihres Volkes mit Mazedonien berichteten.