Es war bemerkenswert, wie sie mit einer wahren Zärtlichkeit sich in die alten Erinnerungen versenkten, als wir alte heilige Bücher anschauten und uns ein Gewölbe gezeigt wurde, das erst vor nicht langer Zeit aufgedeckt wurde, und in welchem ein russischer Gelehrter wichtige alte Urkunden aufgefunden habe. Alte halbzerstörte Fresken an der Wand lösten die Erinnerung an den großen Zaren Simeon aus, der einst ein großes Bulgarenreich über fast der ganzen Balkanhalbinsel beherrscht und das Kloster Treskaveč unterstützt hatte.
Wehmütig wurden ihre Erzählungen, als sie auf den Zaren Samuel zu sprechen kamen, der während seiner 40jährigen Regierung (976-1014) eine Unmenge von Wechselfällen in den unaufhörlichen Kriegen mit Byzanz erlebte, in Ochrida glänzend residierte, dem aber schließlich in dem Konstantinopeler Kaiser Basileus Bulgaroktonos ein furchtbarer, blutdürstiger Gegner erstand. Der machte schließlich durch die Schlacht an der Belasiza Planina bei Strumiza all dem, was Samuel in seinem Leben erreicht hatte, ein Ende. Ja, er bringt ihm indirekt den Tod, indem er ihm 15000 bei Strumiza gefangene Bulgaren geblendet, unter der Führung je eines von hundert, der nur einäugig gemacht wurde, nach Ochrida zurückschickte. Bei deren Anblick ist er so erschüttert, daß ein Schlaganfall den greisen Mann trifft und tötet.
Abb. 227. Gesamtansicht des Klosters Treskaveč.
Es ist eine tragische Geschichte, welche durch die 700 Jahre bis zur Unterjochung durch die Türken auf den Balkanvölkern lastet und heute noch nicht zum Abschluß gebracht ist. Immer wieder wird die Ruhe auf der Halbinsel durch Völkerwanderungen erschüttert, die stets zunächst auf die Slaven stoßen. Deren unversöhnliche Gegensätze zu den Griechen treiben sie von einem Krieg in den andern durch all die Jahrhunderte hindurch. Immer wieder kommen sie wieder in die Höhe, gründen neue und größere Reiche, die bald wieder zusammenstürzen. Einmal über das andere Mal stehen bulgarische Heere vor Konstantinopel, ohne daß es ihnen jemals gelingt, die Weltstadt einzunehmen. Immer wieder werden sie in den Abgrund gestürzt und unterjocht, um nach neuer Freiheit und neuem Glanz zu streben. Zu allem Unglück kommt noch die Feindschaft zu dem Brudervolk der Serben, die im Laufe der Jahrhunderte immer bitterer geworden ist und beide Völker verhinderte zu Größe und Selbständigkeit zu gelangen. Dann kamen die Jahrhunderte türkischer Knechtschaft, die jedes Streben nach Unabhängigkeit unterdrückte, bis mit der Zerrüttung des Türkenreiches sich neue Hoffnung regte.
Nun waren sie endlich so weit, auf bessere Zeiten blicken zu dürfen und nun liegen sich die Balkanvölker wieder als bitterste Feinde in den Haaren. Seufzend gestehen sie das zu, aber mit glänzenden Augen sprechen die Bulgaren die Hoffnung aus, mit Hilfe der Deutschen endlich das Ziel zu erreichen, die ersten auf dem Balkan zu werden.
Abb. 228. Kirche im Kloster Treskaveč im Granitgebirge.
Nun schweifen ihre Gedanken ab und tauchen in das Gebiet der Sagen und Märchen. Sie erzählen von der Zarin Maria, welche den Sultan heiratet und mohammedanisch wird, um ihr Volk zu retten. Sie kommen auf die Geschichte von der Schlange und dem Blitz und von den zwei Hirten. Darüber ist die Zeit vergangen und nach freundschaftlicher Verabschiedung trenne ich mich von den bulgarischen Herren und steige in der Abenddämmerung die steilen Hänge zum Tal, zur Stadt hinab.
Die Strahlen der sinkenden Sonne dringen tief in das Tal hinein und gönnen tiefen Einblick in die phantastische Landschaft, in der ich plötzlich nach den starken Eindrücken des Nachmittags ganz einsam wandere. Öde und baumlos liegt eine schroffe Granitpyramide vor mir; scharf und klar treten die einzelnen Felsblöcke, die Rinnen und Schluchten infolge der langen Schatten hervor. Immer schöner und malerischer werden die Bilder. Vor einem kahlen Felsenberg tut sich ein kleines Tälchen auf, in seiner Tiefe leuchtet üppiges Gras empor, Bäume und Büsche umgeben einen weiß blinkenden türkischen Brunnen. Er verrät uns die Ursache des starken Pflanzenwachstumes. Wie stets sind Schattenbäume um diesen erquickenden Brunnen gepflanzt, welche die Stätte zum geeigneten Ruheplatz im letzten Drittel des heißen Anstieges zum Kloster machen.